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Leseprobe: Wundersame DDR

Leseprobe: Wundersame DDR

„Ein schönes Auto haben Sie da“, sprach mich eine Stimme von hinten an, und ich hätte vor Schreck beinahe meine Einkaufstüte fallen lassen, die ich gerade aus dem Kofferraum genommen hatte.
Ich drehte mich um, und da war er wieder, dieser seltsame Typ auf seiner knallgelben „Schwalbe“, einem der beliebtesten Mopeds in der DDR, sitzend, im billigen Jeansanzug, mit einer altmodischen Lederhaube auf dem Kopf, wie sie früher die Rennfahrer getragen haben, und ebenso antiquierter Motorradbrille. Schon seit mehreren Tagen war mir der Kerl mit dem gelben Moped aufgefallen, wenn ich gegen 14.00 Uhr meinen Wagen in einer der zahlreich vorhandenen Parkbuchten auf der Straße in der Nähe unserer Wohnung abgestellt hatte. Manchmal stand er jenseits des bepflanzten Mittelstreifens auf der anderen Straßenseite und glotzte herüber, manchmal knatterte er im Schritttempo an mir vorbei und starrte mich an. Aber so nah war er mir bisher noch nie gekommen, und es war auch das erste Mal, dass er mich ansprach.
„Ja, und? Was ist damit?“, herrschte ich ihn ziemlich unfreundlich an.
„Nichts, gar nichts“, sagte er ruhig und hob abwehrend beide Hände. „Ich bewundere doch nur Ihr schönes Auto. Und noch dazu mit einem so tollen Diplomaten-Nummernschild: CD-57. Ja, das ist schon was Besonderes, so etwas hätte ich auch gerne.“

Ich muss zugeben, ich war ziemlich irritiert über diese seltsame Anmache und wusste nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Wäre er eines von jenen armen Schweinen gewesen, die, angelockt vom CD-Schildchen an meinem Wagen, mit irgendeinem Anliegen zu mir kamen in der Hoffnung, ich, oder besser gesagt mein damaliger Gatte, könnte ihnen irgendwie helfen, hätte er sich anders verhalten. Das habe ich ja oft genug erlebt und diese Leute sind immer sehr schnell zur Sache gekommen. Nein, dieser skurrile Typ führte etwas anderes im Schilde. Aber was?
„Ja, mir gefällt mein Auto auch“, gab ich einsilbig zurück, „aber dafür haben Sie ja ein schönes Moped.“ Damit ließ ich ihn stehen und bewegte mich eiligen Schrittes in Richtung Hauseingang. Hastig zog ich den Schlüssel aus meiner Handtasche, schloss auf und drehte mich noch einmal kurz um. Da saß er immer noch reglos auf seiner „Schwalbe“ und starrte zu mir herüber.
Schon die Male davor, als ich mich von dem Lederhauben-Heini aus der Distanz beobachtet fühlte, war mir nicht wohl in meiner Haut. Wer war das? Was wollte der von mir? Ich konnte mir nicht wirklich einen Reim darauf machen. Die einzig halbwegs plausible Erklärung, die mir dazu einfiel, war die, dass die „Firma“ einen „Spezialisten“ auf mich angesetzt hatte, um mich – aus welchen Gründen auch immer – zu verunsichern. Hatte es etwas mit meinen Ost-Berliner Freunden zu tun? Oder mit meinen Einkaufstouren? Aber die wussten doch sowieso über alles Bescheid. Wanzen all überall, dazu die „Ohren“ im Staatsdienst, denen so gut wie nichts entging. Auch meine Freunde, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren ziemlich ratlos.
Jetzt, nachdem mir der Kerl, dessen Alter ich auf etwa Mitte bis Ende zwanzig schätzte, so nahe gekommen war und mich angesprochen hatte, bekam ich Zweifel an meiner Theorie. So plump gehen die staatlich bestellten Horchposten normalerweise nicht vor. Sie spähen und lauschen aus der Ferne und wollen dabei möglichst unerkannt bleiben.
Es sollte nicht lange dauern, bis mir ein ganz anderes Bild von dem Lederhauben-Heini geboten wurde. Eines, das ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Wie üblich kam ich gegen 14.00 Uhr nach Hause und parkte den Wagen in einer der Parkbuchten. Da stand der Penner auf dem Mittelstreifen, vielleicht zehn Meter von mir entfernt, holte seinen Dödel aus der Hose und fing an, daran herumzuspielen. Ich dachte, mich tritt ein Pferd! Wie von Furien gehetzt, rannte ich in Richtung Haustür und war selig, als sie hinter mir ins Schloss fiel. Gerettet! Gott sei Dank!
Von diesem Tag an hatte ich wirklich Schiss, wenn ich nach Hause kam. Was, wenn mein kleiner Sohn dabei ist und dieser abartige Mopedfahrer seine Fisimatenten macht? Was, wenn der mich mal bei Dunkelheit abpasst? Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut und hatte das ungute Gefühl, dass das nicht die letzte Begegnung dieser Art gewesen sein sollte. Auf mein Gefühl konnte ich mich schon immer verlassen. So auch dieses Mal. Wieder kam ich nach Hause, parkte ein und hatte – wie an allen Tagen nach dem ersten Exhibitsi-Vorfall – meine volle Aufmerksamkeit auf den Mittelstreifen gerichtet. Nichts zu sehen. Gut so! Ich also, wie immer mit Taschen und Tüten bepackt, frohen Mutes in Richtung Haustüre. Kurz davor hob ich den Blick – da stand er! Unmittelbar neben dem Eingang, den Schniedel ausgepackt und heftig mit der rechten Hand bearbeitend.
„Du Schwein, du elendes!“, schrie ich aus vollem Hals und rannte auf ihn zu. „Pack dein mickriges Ding weg und verschwinde! Hau ab ...!“
Kurz bevor ich ihn erreicht hatte, schwang er sich auf sein am Bordstein geparktes Moped und knatterte davon. Ich war völlig außer mir. Wie konnte so etwas nur möglich sein in dieser wunderbaren DDR, in der doch alles so perfekt geregelt war? Ein Land, in dem nicht sein konnte, was nicht sein durfte ...? Aber so war das halt: Ein krankes Hirn konnte man auch auf dem Parteitag der SED nicht gesundreden. Und Exhibitsi hatte immer noch nicht genug.
Wenige Tage später lief die Nummer wieder genauso ab wie beim zweiten Mal, nur dass ich mich, nachdem er mit seiner „Schwalbe“ davongebraust war, sofort hinters Lenkrad klemmte und die Verfolgung aufnahm. Ich war ihm ganz dicht auf den Fersen, bis wir die Bahngleise erreichten. Mit meiner Entschlossenheit hatte der Dummkopf offensichtlich nicht gerechnet, er preschte wie ein Geisteskranker über eine Betonrampe hinweg hinunter auf das Gleisbett und bretterte die Schienen entlang über die Schwellen davon. Da hatte ich mit meinem Auto natürlich keine Chance und musste die Verfolgung aufgeben.
Von Belästigungen dieser Art hatte ich nun aber endgültig genug und fuhr schnurstracks zur nächsten Polizeiwache in Pankow. Dort hat man mich in einen primitiven Verschlag geführt, wo ich meine Aussage machen sollte.
„Nun erzählen Se mal“, eröffnete der Uniformierte mit sichtbarem Desinteresse die Vernehmung.
„Ich werde von einem Exhibitionisten belästigt, und das seit Wochen“, stieß ich wutentbrannt hervor.
„Ein Exiwas???“
„Exhibitionist! Ich erkläre Ihnen gern, was das ist: Ein Kerl, der mich vor der Haustür abpasst, sein Geschlechtsteil aus der Hose holt und vor meinen Augen daran herumspielt. Kapieren Sie das?“
Leicht verwirrt und mit geröteten Wangen nahm der junge Vopo (Volkspolizist) nun meine Aussage zu Protokoll: Personenbeschreibung, Beschreibung des Mopeds, wie, wann, wo etc.
Nachdem ich das Protokoll unterschrieben hatte, durfte ich gehen. Einen entsprechenden Schlusskommentar konnte ich mir natürlich nicht verkneifen: „Und eines sage ich Ihnen: Wenn der Kerl sich noch einmal bei mir blicken lässt, kann er sich anschließend beim Knabenchor bewerben!“
„Machen Sie sich keine Sorgen“, meinte der Uniformierte in unerwartet freundlichem Ton, während er mir höflich die Tür aufhielt. „Ich verspreche Ihnen, das wird nicht wieder vorkommen.“

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