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Leseprobe: England, die Deutschen, die Juden ...

Leseprobe: England, die Deutschen, die Juden ...

Das 20. Jahrhundert 

„Die Geschichte wird freundlich mit mir umgehen, denn ich habe vor, sie zu schreiben.“ (Winston Churchill)
 
Man könnte dem Eindruck erliegen, dass im 20. Jahrhundert weit mehr Menschen durch die Einwirkung anderer Menschen zu Tode gekommen sind als in der gesamten Zeit davor. Das ist falsch. Die Geschichte des zweiten Jahrtausends beschreibt Genozide, durch Gewalt oder gewaltsam herbeigeführte Hungersnöte, welche die Zahlen des 20. Jahrhunderts bei Weitem übersteigen. Also kann man annehmen, dass sich die humanistischen Werte doch ein wenig positiv auf den Verlauf des 20. Jahrhunderts ausgewirkt haben. Dem steht gegenüber, dass es wohl noch niemals in der Geschichte der Menschheit einen Zeitabschnitt gab, in dessen Verlauf mehr gelogen, betrogen und verschleiert wurde. Die scheinbar unabhängige Vielfalt der Informationsgesellschaft entpuppt sich bei genauerem Hinsehen schnell als das Diktat einer monopolistischen Medienmacht. Nur das, was den Interessen der Mächtigen nicht schaden kann, hat eine Chance, durch den Filter der Medienriesen eine breite Öffentlichkeit zu erreichen.
Um die Vorgänge des 20. Jahrhunderts beurteilen zu können, ist es sinnvoll festzustellen, wer vom Verlauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts profitiert hat. Ich stelle einen Vergleich zwischen den Jahren 1900 und 2000 an den Anfang meiner Betrachtungen. Das Jahr 2000 nehme ich hierbei nicht so ganz genau, sondern beziehe den Zustand bis zur Gegenwart mit ein. Das ist notwendig, weil sich die Entwicklungen in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts noch einmal beschleunigt haben und vieles schärfer zeigen, als das im Jahr 2000 sichtbar war. 


Der Zustand der Welt im Jahr 1900:

  • In Europa herrschte Frieden.
  • Mit dem Inkrafttreten des 1896 verabschiedeten Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) und des Handelsgesetzbuches (HGB) verfügte das Deutsche Reich erstmals über eine einheitliche Gesetzgebung.
  • Das Invalidenversicherungsgesetz trat in Kraft; es regelte zugleich die Altersversicherung.
  • Auf der Vulkanwerft in Stettin lief das Handels- und Passagierschiff „Deutschland“ vom Stapel. Mit 208,5 m Länge, 20,4 m Breite und 33.000 PS war der Doppelschraubendampfer das größte und stärkste deutsche Schiff, das im Juli das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung eroberte.
  • England annektierte im März im sogenannten „Burenkrieg“ den Oranje-Freistaat.
  • Im Frühjahr und Sommer führten die Attacken der Boxerbewegung in China gegen Ausländer und chinesische Christen zu einem Krieg zwischen China und der Allianz von acht Staaten (bestehend aus dem Deutschen Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, Russland und den USA), der mit dem Abschluss des sogenannten „Boxerprotokolls“ im September 1901 endet. Diesen Vorgang im fernen China erachte ich als sehr bemerkenswert, haben doch hier Nationen, die wenig später erbitterte Vernichtungskriege gegeneinander führen, in Eintracht ihre gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen verteidigt.
  • Deutschland erlebte eine bis dahin nicht gekannte Dynamik. Der Begriff „Kraftmeier“ wurde geprägt, um die Potenz und das Selbstbewusstsein der deutschen Industriellen zu beschreiben. Deutsche Produkte eroberten die Weltmärkte und das Prädikat „Made in Germany“ wurde – völlig konträr zum intendierten Ziel – zu einem Gütesiegel für Qualitätsprodukte. „Made in Germany“ wurde ein Jahrzehnt zuvor in England deutschen Produkten aufgedruckt, um die Engländer vom Kauf dieser Waren abzuhalten und damit die englische Industrie vor der Konkurrenz aus Deutschland zu schützen. Das war notwendig geworden, weil bereits zu dieser Zeit die englische Industrie international nicht mehr konkurrenzfähig war. Speziell Deutschland und die USA hatten die einst führende Industrienation England durch eine geschickte Investitionspolitik übertroffen. England erlitt durch seine kranke Industrie-, Geld- und Innovationspolitik ein stetig wachsendes Außenhandelsdefizit, das dazu führte, dass das britische Pfund erstmalig seit 400 (in Worten: vierhundert!) Jahren eine Inflationstendenz zeigte.
  • Im Jahr 1900 umfasste das „British Empire“ 20 Prozent der Landmasse der Erde und 23 Prozent ihrer Bevölkerung. Laut C. A. Bayly`s „Atlas of the British Empire“, Seite 170/1, hat England Exporte in Höhe von 311 Millionen Pfund getätigt. Dem standen Importe in Höhe von 547 Millionen gegenüber. England erlebte durch das Defizit von 236 Millionen Pfund in der Außenhandelsbilanz eine ernsthafte Bedrohung seiner Existenz als Weltmacht. 
  • Diese Bedrohung konnte dadurch aufgefangen werden, dass London immer noch der Finanzplatz Nummer eins in der Welt war. Mithilfe einer reinen Geldschöpfung durch die Bank of England konnte das gigantische Außenhandelsdefizit zumindest eine Zeit lang verschleiert werden. Es war aber vor allem den Engländern selbst vollkommen klar, dass dieser Zustand auf Dauer nicht haltbar sein konnte und dass das Britische Pfund durch Inflation zerstört werden würde, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen werden.
  • In ganz Europa lebten die Menschen in größeren Familienverbänden zusammen. Wenn sie nicht zu den wenigen Privilegierten gehörten, mussten sie sich mit bescheidenen, beengten räumlichen Verhältnissen begnügen. Die Religion hatte eine bestimmende Rolle in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Man war aufeinander angewiesen und die Individualität hatte in der einfachen Bevölkerung keine große Bedeutung. Besonders in Deutschland, aber auch anderswo, entstanden öffentliche Bauwerke und große Wohnanlagen, die noch heute den Charakter und die Schönheit der Städte definieren – sofern sie nicht durch Bomben zerstört wurden.
  • Wie man der „Jewish Encyclopedia“ von 1901 bis 1906 entnehmen kann, lebten in Europa ohne Russland etwa 5 Millionen Juden. Diese verteilten sich auf die wichtigsten Länder wie folgt: Österreich-Ungarn und Polen zusammen ca. 3,4 Mio., Deutschland ca. 0,6 Mio., Frankreich 0,1 Mio. und England ca. 0,25 Mio.
  • In Russland allein lebten ca. 3,9 Millionen Juden und hatten damit einen Anteil von 3,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Interessanterweise konnte ich keine seriöse Quelle ausfindig machen, die die Verteilung der Juden in Österreich-Ungarn und Polen genauer aufschlüsselt. Das wäre schon relevant, zumal der Anteil an der Gesamtbevölkerung dort 6 Prozent übersteigt, wo er sich sonst in Europa um oder deutlich unter einem Prozent bewegt.

Zusammenfassend kann man über das Jahr 1900 sagen: Die ganze Welt erlebte eine rasante positive Entwicklung, die vor allem durch die Entstehung neuer Technologien beeinflusst war und den Aufbau sozial-karitativer Systeme erlaubte – ausgenommen England, oder hier einmal explizit: das Britsh Empire. Die Vormacht Englands in Europa war vom dynamisch aufstrebenden Kaiserreich Deutschland übernommen worden. England drohte in die wirtschaftliche und somit politische Bedeutungslosigkeit zu versinken. Amerika spielte weltpolitisch noch keine bemerkenswerte Rolle. 
Die Betrachtung der territorialen Flächenaufteilung Europas bezüglich der Nationalstaaten zeigt noch ein weiteres Problem Englands: Die natürliche Begrenzung als Insel lässt keine direkte Vergrößerung seines Territoriums innerhalb Europa zu. Versuche, das englische Hoheitsgebiet auf das Festland auszudehnen, wurden von den kontinentaleuropäischen Nationen abgewehrt. Diese Option stand in absehbarer Zeit nicht zur Verfügung. Das war für England eine schwierige Situation, reichte doch jetzt schon die Landmasse des Vereinten Königreichs nicht aus, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. England war auf Importe, vor allem aus seinen Kolonien, angewiesen. Im Parlament in London wurde drastisch formuliert, dass, wenn England seine Importe nicht in dieser Höhe garantieren könne, so würde die Hälfte der Bevölkerung dem Hungertod ausgeliefert sein.
So ergab sich für England der fortschreitende Nachteil, dass, im Gegensatz zu Kontinentaleuropa und hier vor allem Deutschland, eine Erhöhung der Bevölkerungszahl als völlig unmöglich erschien. Es war abzusehen, dass die Bevölkerung Deutschlands die Englands in Kürze um mehr als das Doppelte übertreffen würde. Zusammen mit Österreich-Ungarn stünde dann der englischen Bevölkerung eine vierfache deutschsprachige Übermacht gegenüber. Bezieht man die Dynamik der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft mit in diese Überlegungen ein, so ist es verständlich, dass England seine Vormachtstellung in der Welt durch Deutschland massiv bedroht sah, auch wenn das Kaiserreich zu dieser Zeit keinerlei Bestrebungen zu territorialer Vergrößerung erkennen ließ. Dennoch war klar, dass Deutschland allein durch seine stetig wachsende Wirtschaft und seine fortschrittliche Technologie in Kürze England dominieren würde. Das British Empire hatte bei einer friedlichen Entwicklung nur eine einzige Chance: eine Bündnispolitik mit Deutschland zu suchen. Dass England in einem solchen Bündnis sehr bald nur noch der Juniorpartner sein würde, war vorgezeichnet. Diese Vorstellung konnte auf der Insel wirklich niemanden begeistern. 


Erfreulicherweise kann ich die Zustandsbeschreibung des Jahres 2000 mit der gleichen Aussage beginnen wie die des Jahres 1900:

  • In Europa herrscht Frieden.
  • Europa ist politisch in der Europäischen Union vereint. Allein der bloße Gedanke an kriegerische Handlungen innerhalb der EU erscheint als vollkommen absurd.
  • Die Welt ist „kleiner“ geworden. Distanzen, deren Überwindung vor hundert Jahren noch Wochen in Anspruch genommen haben, werden in wenigen Stunden geschafft. Nachrichten können in Bruchteilen von Sekunden an jeden Ort der Welt übermittelt werden; die ganze Welt ist vernetzt. Nicht nur die immer niedriger werdenden Transportkosten haben zur „Globalisierung“ der Wirtschaft geführt, die in ihren schwer voraussehbaren Konsequenzen eine Fülle von negativen Auswirkungen mit sich gebracht hat. Beispielhaft sei hier der Abbau etablierter Sozialstandards angeführt, der sein Ende noch nicht gefunden hat.
  • Die USA dominieren das weltpolitische und wirtschaftliche Geschehen. Die Wirtschaft und die moralischen Wertigkeiten werden „amerikanisiert“. Der Begriff der „Amerikanisierung“ ist bei genauerer Betrachtung zu eng gefasst, man muss vielmehr von einer „Anglifizierung“ sprechen. Das betrifft nicht nur die Wirtschaftssysteme, sondern auch die Sprache. Unter anderem durch das Internet hat die englische Sprache eine weltweit dominante Stellung eingenommen. Man könnte von einem „anglizistischen Sprachimperialismus“ sprechen, der unter anderem auch dadurch in Erscheinung tritt, dass sich englische Muttersprachler nur selten der Mühe unterziehen, die Sprache von Gastländern zu erlernen. Sie erwarten mit selbstverständlicher Arroganz, dass, egal, wo sie hinkommen, jeder in der Lage sein muss, mit ihnen in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Dieser Zustand hat auch sein Positives: Hat die Welt doch nun eine Sprache, die aufgrund ihrer geringen Komplexität für die meisten leicht zu erlernen ist und somit eine globale Verständigung fördert.
  • Die heutige Landkarte von Europa sieht ganz anders aus, vor allem in Osteuropa. Auch die Besiedelungsstrukturen in Europa haben sich – nach ethnologischen Gesichtspunkten – erheblich verändert. Millionen Menschen haben ihr Leben verloren, Millionen Überlebende wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Damit haben sich auch die politischen Gewichtungen nachhaltig verändert. Einzig England ist von diesen Umwälzungen nahezu unberührt geblieben.
  • Österreich-Ungarn, die K.-u.-k.-Monarchie, existiert nicht mehr. Diesen seinerzeit mächtigen und friedlichen Zusammenschluss einer Vielzahl verschiedener Völker könnte man durchaus als einen Vorläufer der EU sehen – allerdings mit einem entscheidenden „Makel“: Dieses Bündnis stand völlig außerhalb der Kontrolle Englands. Ebenso ist Deutschland dramatisch geschrumpft und existierte über mehr als vier Jahrzehnte hinweg nicht einmal als souveräner Staat. Dennoch ist Deutschland längst wieder der dominierende wirtschaftliche Faktor in Europa. Der wesentliche Unterschied zu früher ist jedoch, dass auch unser Land vollkommen abhängig ist von der Steuerung der internationalen Finanzströme – das hat Deutschland mit dem Rest der Welt gemein. New York und London sind die Steuerzentren für das internationale Kapital.
  • Zwar gibt es keine Kolonien mehr, doch die Länder Afrikas und Asiens sind deswegen nicht unabhängiger geworden. Im Gegenteil: Durch die Politik der Weltbank und des IWF sind die Länder der sogenannten „Dritten Welt“ durch vorsätzlich herbeigeführte Verschuldung in vollständige Abhängigkeit des internationalen Kapitals gezwungen worden. Damit geht es ihnen heute schlechter als zu Kolonialzeiten: Ein Kolonialherr muss gegenüber seiner Kolonie eine klare Verantwortung übernehmen und kann auch für Missstände, die unter seiner Ägide entstanden sind – zumindest moralisch – zur Rechenschaft gezogen werden. Diese moralische Bremse für gnadenlose Ausbeutung gibt es nicht mehr. Man kann sich hinter Floskeln wie „Macht des Marktes“ und Ähnlichem verstecken, ohne Gefahr zu laufen, dass jemals ein Individuum für seine Taten bestraft werden könnte.
  • Die Welt ist unipolar geworden. Waren die USA vor hundert Jahren noch durch ihre Verfassung gezwungen, sich jeglicher kriegerischer Handlung außerhalb Amerikas zu enthalten, so sind sie heute die einzige „Supermacht“, die die Welt mit Krieg und Verderben überziehen kann – und das auch tut. Die USA führen fast andauernd Krieg in allen Teilen der Welt, ohne dass ihnen ernsthaft Paroli geboten werden kann. Dabei nehmen sie in Kauf, dass funktionsfähige Sozialstrukturen, ja, ganze Staaten zerstört und Millionen Menschen in Elend und Tod gestürzt werden. England steht bei diesen Aktionen fest an der Seite der USA – in jedem Falle politisch, oft genug auch militärisch aktiv. Und an dieser Stelle ist eine brisante Frage zu stellen, die auf den ersten Blick gar nicht zu existieren scheint: Wer ist es denn nun tatsächlich, der den Gang der angloamerikanischen Politik bestimmt? Die USA oder England?
  • Um diese Frage schlüssig beantworten zu können, muss man die Strukturen des angloamerikanischen Finanzsystems sehr genau unter die Lupe nehmen. Das Kapitel „Das angloamerikanische Finanzsystem“ gibt hier Aufschluss. Vorab nur so viel: Wer in den USA das Geldwesen beherrscht, bestimmt auch die Politik. Und das FED (Federal Reserve System), das untaugliche Gegenstück in den USA zur Deutschen Bundesbank bzw. zur EZB (Europäische Zentralbank), ist abhängig von der Bank of England, weil diese einen erheblichen Anteil des FED besitzt und damit Kontrolle über diese Einrichtung ausüben kann. Dieser Zustand wurde 1913 etabliert und ist für die Betrachtung der Geschichte des 20. Jahrhunderts wichtig, wenn nicht sogar bestimmend. Vor allem den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg an der Seite Englands, der gegen die Gebote der amerikanischen Verfassung erfolgte, werde ich unter diesem Aspekt beleuchten.
  • Die Welt des Jahres 2000 ist individualistisch und egoistisch geworden. Die katholische Kirche, Kulturträger Nummer eins auf dem europäischen Kontinent und „Erzfeind“ der anglikanischen Kirche, wird fortschreitend demontiert. Wo vor hundert Jahren noch in gut besuchten Gottesdiensten Gemeinsamkeit geübt wurde, verbreiten sich jetzt esoterische Lehren, die wegen ihrer Vielfalt und Ungenauigkeit egoistische Individualität fördern. Dieser untaugliche Ersatz für die moralische Führung einer in der kontinentaleuropäischen Kultur gewachsenen Religion wird von immer mehr Menschen gesucht. In der modernen Welt kann man es sich kaum noch leisten, sich zu einer Kirche zu bekennen, die allgemein als unmodern und korrupt dargestellt wird. Um dem dadurch entstandenen Mangel an lebenspraktischen Hilfen und Anweisungen zu entfliehen, wendet man sich Lehren zu, die zwar „in“ sind, aber oft in ihrer Strenge die katholische Lehre übertreffen. Die Menschen sehnen sich nach klaren und einfachen Regeln, die ihnen einen Platz und eine Aufgabe für ihr Leben zuweisen können. Allgemein kann man feststellen, dass das Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der westlichen Welt geprägt ist von Orientierungslosigkeit und dem Verfall moralischer Werte, die einer humanistisch-sozialen Gesellschaft würdig wären. Es gibt nur noch einen Maßstab: das Geld!
  • Geld gibt es im Jahr 2000 mehr als genug. Nach Schätzungen seriöser Volkswirtschaftler übersteigt die Geldmenge, die um die Welt zirkuliert, die Menge an käuflichen Waren und Dienstleistungen um mehr als das Siebenundzwanzigfache (2014 etwa das Hundertfache!). Dennoch erlebt die westliche Welt nur eine kontrollierte und geringfügige Inflation. Generell hat sich die Welt daran gewöhnt, im Gegensatz zum Jahr 1900, mit einem stetigen Verfall des Geldwerts zu leben. Nur wenigen ist bewusst, wie fragil die Basis des heutigen Weltgeld-Systems ist.
  • Wirtschaftlich gesehen, geht es den Bevölkerungen in der westlichen Welt gut. Man schwelgt im Überfluss und Hungersnöte sind seit fünfzig Jahren unbekannt. Dennoch gibt es Unterschiede: Es gibt sog. Geber- und Nehmer-Länder, also Staaten mit entweder positiver oder negativer Außenhandelsbilanz. England hat, wie vor hundert Jahren, eine negative Außenhandelsbilanz, die mittlerweile auf 90 Milliarden Euro jährlich (Stand 2007 und heute nicht weniger) angestiegen ist. Dieses Außenhandelsdefizit ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass England inzwischen zu den ölexportierenden Ländern gehört. Die USA haben sich, im Gegensatz zu 1900, auf die Seite der Nehmerländer gestellt – mit einem steigenden Defizit von mittlerweile mehr als 750 Milliarden Dollar jährlich (Stand 2007, 2014: 1.000 Milliarden Dollar jährlich oder etwa drei Milliarden täglich). Was heute anders ist, ist die Methode des Ausgleichs. Wo früher versucht wurde, mit reiner Geldschöpfung dem drohenden Bankrott zu entgehen, hat man heute das 1944 geschaffene System von Bretton Woods zur Verfügung. Dieses System erlaubt den Währungsschlüsselländern, ihr Außenhandelsdefizit zu ignorieren – auf Kosten aller anderen.
  • Laut der „Jewish Virtual Library“ leben im Jahr 2000 13,2 Millionen Juden auf der Welt (1900 waren es 10,6 Millionen). Die Aufteilung auf die einzelnen Länder hat sich erheblich verändert: War 1900 noch die höchste Anzahl mit 3,9 Mio. in Russland zu finden, so ist diese Zahl auf 0,7 Mio. geschrumpft. Es gibt einen Staat Israel, dort sind 5,0 Mio. Juden registriert. Die USA haben einen Anstieg der jüdischen Bevölkerung auf 6,0 Mio. zu verzeichnen, gegenüber 1,5 Mio. 1900, der prozentuale Anteil ist aber bei 2 Prozent konstant geblieben. Es folgen Frankreich mit 0,6 Mio. Juden und Deutschland mit 0,2 Mio. Letztere Zahl ist zweifelhaft. Zum einen widersprechen sich die unterschiedlichen Quellen erheblich, zum anderen ist hier eine Definitionsfrage zu stellen: Wer ist in diese Zahl eingerechnet? Sind es nur diejenigen, die sich aktiv zum jüdischen Glauben bekennen, oder alle, die jüdischer (aschkenasischer) Abstammung sind? Wenn man die zweite Definition wählt, muss die Zahl um ein Mehrfaches nach oben korrigiert werden, da allein die Zahl der nach 1990 aus Russland nach Deutschland zugewanderten Bürger jüdischer (aschkenasischer) Abstammung wesentlich höher ist.
  • Auch im Jahr 2000 ist die Anzahl der jüdischen Bevölkerung bezüglich Österreich, Ungarn und Polen nicht aufgeschlüsselt. Weil sie aber insgesamt nur mit 0,1 Mio. angegeben wird (im Gegensatz zu 1900 mit 3,4 Mio.), fällt sie nicht besonders ins Gewicht. In diesem Fall erscheint die geringe Zahl auch im geschichtlichen Zusammenhang durchaus glaubwürdig, weil die großen Abwanderungen aus der Sowjetunion mit Sicherheit nicht andere kommunistische Länder zum Ziel hatten. England hingegen hat praktisch keine Veränderung erfahren: 1900 waren es 0,25 Mio., im Jahr 2000 0,3 Mio. Juden.

 
Zusammenfassend ist über den Zustand der Welt zu Beginn des dritten Jahrtausends Folgendes zu sagen: Das angloamerikanische Kapital bestimmt (zumindest) über das Wohl und Wehe der Volkswirtschaften der Welt. Die populäre Kultur – Musik, moderne Literatur, Film und Fernsehen – sind angloamerikanisch dominiert. Es gibt praktisch keine politische oder wirtschaftliche Entwicklung, die ohne die Zustimmung der USA möglich erscheint. 
Auf der anderen Seite wurden in den USA und – das ist den wenigsten bewusst – auch in England die Menschenrechte abgeschafft. Das klingt drastisch, entspricht aber den Tatsachen: Der sog. „PATRIOT Act“, den die USA nach 2001 geschaffen haben, erlaubt es, jeden Menschen in den USA unter dem Vorwurf des Terrorismus zu inhaftieren und ohne das Recht auf eine Gerichtsverhandlung auf unbestimmte Zeit zu internieren. Die Welt sieht sich nicht in der Lage, irgendetwas gegen die brutale und unrechtmäßige Behandlung der Menschen in Guantanamo zu unternehmen. England hat ein Gesetz in Kraft gesetzt, das dem „PATRIOT Act“ in wesentlichen Teilen entspricht. Auch hier hat ein Mensch, der terroristischer Aktivitäten verdächtigt wird, seine Menschenrechte verwirkt. Wohlgemerkt: Es reicht der Verdacht aus, ein Nachweis wird nicht benötigt! Hier liegt auch der Grund, warum Toni Blair im Juni 2007 zum Abschluss der Verhandlungen über die europäische Verfassung darauf bestanden hat, dass die dort festgeschriebenen Grundrechte nicht für England gelten dürfen.
Die USA und England haben für ihre absolute Macht einen hohen Preis bezahlt. Sie müssen in ständiger Furcht vor Anschlägen leben, die Menschen begehen könnten, die ihre ohnmächtige Wut gegen das selbstherrliche Auftreten der USA nicht mehr anders ausdrücken können. Der Präsident der USA kann sich nirgendwo mehr sehen lassen, ohne dass Sicherheitsvorkehrungen in geradezu groteskem Unfang ergriffen werden müssen. Als Gallionsfigur des amerikanischen Imperialismus muss er vor dem Zorn der Menschen geschützt werden. Aus amerikanischer Sicht ist die Welt aufgeteilt in Gut und Böse, in „Schurkenstaaten“ und treu ergebene Partner (Freunde?), in Christen und Moslems. Die Radikalisierung auf der jeweils anderen Seite verhärtet die Fronten zunehmend.

Die Antwort auf die Frage, wer letzten Endes vom Verlauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts profitiert hat, ist breit gefächert: Wenn es erstens um Wohlstand und die Befriedigung von Grundbedürfnissen geht, stehen die Bürger der gesamten westlichen Welt eindeutig besser da als vor hundert Jahren. Betrachtet man zweitens die moralisch-ethische Seite, so hat die ganze Welt verloren. Die Menschen werden in Furcht und Unsicherheit gehalten, und es gibt kein Land der Erde, in das man sich flüchten könnte, um eine Verbesserung dieses Zustands zu erfahren. Drittens, wirtschaftspolitisch betrachtet, sind die USA der größte Verlierer. Waren sie vor hundert Jahren noch die größte Exportnation der Welt, sind sie heute vollkommen angewiesen auf Importe, um die Grundbedürfnisse ihrer Bürger zu befriedigen. Sie haben das größte Außenhandelsdefizit, das die Geschichte jemals gesehen hat. Viertens, machtpolitisch gesehen, ist die Antwort klar und einfach: die USA und England. Wieso auch England? England stand vor hundert Jahren kurz davor, in die politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Das ist nicht passiert. Somit ist England am Ende das Land, das durch den Verlauf der Ereignisse des 20. Jahrhunderts die meisten Vorteile erlangt hat.

Damit drängt sich die nächste Frage auf: Ist es nicht wahrscheinlich, dass die beiden machtpolitischen Profiteure, England und die USA, den Verlauf der Geschichte im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst, ja, vielleicht sogar bestimmt haben? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten und es ist eine sehr brisante Frage. Denn wenn dem so wäre, müsste man die größten Verbrecher der Geschichte auch im angloamerikanischen Raum suchen. 
Dass die offizielle Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts die Wahrheit stark verzerrt, ist jedem klar, der ein wenig in die Details zu blicken versteht und sich nicht von offiziellen Dogmen blind machen lässt. Das betrifft vor allem den deutschen Raum. Hier gilt bis heute, dass die von den Siegermächten nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegte Geschichtsschreibung von offiziellen Stellen nicht infrage gestellt werden darf und Grundlage der Lehre in Schulen und Universitäten sein muss. Nachdem die BRD kurz nach dem Krieg gezwungen war, dieses zu garantieren, musste sie sich erneut in den Zwei-plus-Vier-Verträgen darauf verpflichten. Diese Verträge waren die Voraussetzung für die Genehmigung der Alliierten für ein vereintes Deutschland, das nicht mehr unter Besatzungsstatut steht. Ja, Sie haben ganz richtig gelesen: Bis zum 12. September 1990 war die BRD kein souveräner Staat – man könnte auch sagen bis zum 4. März 1991. An diesem Tag hat das Parlament der Sowjetunion die Zwei-plus-Vier-Verträge ratifiziert, und erst damit hatten sie tatsächlich völkerrechtliche Verbindlichkeit erlangt [...]