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Leseprobe: Bankraub globalisiert

Leseprobe: Bankraub globalisiert

Wie lange es schon Geld als Zahlungsmittel gibt, darauf werde ich hier nicht im Detail eingehen. Ich werde einige Ausschnitte der Geschichte beleuchten, die mir als besonders wichtig und interessant erscheinen. Insbesondere das Finanzwesen der Gotik halte ich für betrachtenswert.

Im Geschichtsunterricht und in den Lehrbüchern wird die Epoche der Gotik meist zu negativ dargestellt. Dabei überzeugt gerade die Gotik mit großartigen Zeugnissen der Baukunst. Auch das Sozialsystem dieser Zeit wartet mit Einrichtungen und Errungenschaften auf, die auch heute noch überzeugen, ja, manchmal als sehr fortschrittlich gelten würden. Das Geld und Steuersystem jedenfalls war brillant einfach. Es bedurfte nicht einmal eines Bierdeckels, um sich über seine Steuerschuld im Klaren zu sein!
Der wesentliche Unterschied zur heutigen Zeit bestand darin, dass Geld keinen dauerhaften Bestand hatte - die Folge: Niemand konnte Geld horten. Es gab ausschließlich Münzgeld (Brakteaten), das über kurz oder lang „verrufen“ wurde. Bei der Münzverrufung (renovatio monetarum) wurde Münzgeld als ungültig erklärt und musste gegen neue Währung umtauscht werden. Dieser Vorgang geschah in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, einmal pro Jahr war durchaus üblich. Aber auch zu besonderen Anlässen, wie zum Beispiel einer fürstlichen Hochzeit, wurde eine Geldverrufung ausgesprochen. Sinn und Zweck der Sache: Die Münzverrufung war gleichzeitig das Steuersystem, denn der Münzherr (geistlicher oder weltlicher Fürst) behielt zehn Prozent der Münzen ein. Das heißt, man bekam zehn Prozent weniger neue Münzen zurück, als man alte abgeliefert hatte. Das war der „Zehnt“, der damals als Steuer fällig war.
Ein Bankwesen war unbekannt, ebenso das Eintreiben von Zinsen auf ausgeliehenes Geld. Es war sogar verboten, Zinsen zu nehmen. Die Menge des Geldes war grundsätzlich knapp und reichte gerade, um den Handel und Wandel sicherzustellen. Daher war es vollkommen unsinnig, Geld horten zu wollen. Geld musste ausgegeben werden und trug somit zur allgemeinen Prosperität bei. Der allgemeine Wohlstand in der Zeit der Gotik erlaubte es, großzügige Tarifverträge für die Handwerker einzuführen. So war es in dieser Zeit üblich, nur fünf Tage in der Woche zu arbeiten. Und das auch nur sechs bis acht Stunden pro Tag. Der Sonntag und

etwa neunzig kirchliche Feiertage pro Jahr waren nach christlichen Bestimmungen sowieso arbeitsfrei, und der Montag war im Allgemeinen dem Besuch der überall üblichen öffentlichen Badehäuser vorbehalten. Insgesamt blieb viel Schaffenskraft übrig, so dass die Bürgergemeinschaft mit Hilfe der oftmals genialen Baumeister die großartigen Bauwerke der Gotik errichten konnte. Und das alles ohne die technischen Hilfsmittel der Neuzeit! Es war keineswegs so, dass diese Bauwerke unter Fron und Zwang entstanden. Vielmehr entsprangen sie einem gemeinschaftlichen Bestreben, etwas zum Ruhme Gottes und der allgemeinen Ergötzung zu schaffen. Das sieht man diesen Zeugnissen der Lebensfreude auch heutzutage an.
Die Bereiche der geografischen Gültigkeit einer Währung waren damals klein. Es gab aber durchaus ein System, das den europaweiten Handel ermöglichte. So waren bestimmte Waren, wie Salz oder Glas, von hohem Wert und auch Gold direkt als Zahlungsmittel im internationalen Handel üblich. Gold war aber so rar, dass es kaum zum Einsatz kam, außer bei Königshäusern. Vielmehr war es üblich, dass der Handelsreisende direkt von den Einnahmen seiner verkauften Ware in lokaler Währung seine Einkäufe bezahlte. Dieses System erlaubte es, dass trotz oder vielleicht wegen der Absenz großer Bankhäuser die deutsche Hanse entstehen konnte. Die Gotik war eine Zeit der allgemeinen Prosperität und Zufriedenheit. Kriegerische Handlungen fanden eigentlich nicht statt. Dieses geradezu goldene Zeitalter überdauerte mehrere Jahrhunderte. In dieser Zeit redete niemand von „Investitionen“ oder „Cashflow“. Dennoch wurden Werte geschaffen, die auch heute noch unsere Bewunderung haben. Eben weil der Zusammenhang zwischen Geld und Arbeit völlig intakt war und auf Grund des Systems kaum jemand in der Lage war, Geld in raffgieriger Absicht aus dem Umlauf zu ziehen, en masse zu horten und somit dem Wirtschaftskreislauf zu schaden.

Vor etwa fünfhundert Jahren endete die Zeit der Gotik und Europa war an einem toten Punkt angelangt. Wie kam es dazu? Jakob Fugger der Ältere überredete den Kaiser, das System der Münzverrufung abzuschaffen und eine beständige Währung, den so genannten „ewigen Pfennig“, zum allein gültigen Zahlungsmittel zu machen. Die Folge war, dass Geld aus dem Verkehr gezogen und in großen Mengen gehortet werden konnte. Das taten die Fugger auf sehr effiziente Weise und waren bald die reichsten Menschen in weitem Umkreis. Selbst die Medici handelten in gleicher Weise und etliche andere auch.
Das Geld, das die Fugger in ihren Truhen horteten, fehlte nun im allgemeinen Umlauf. Die Folge davon war, dass, obwohl nach wie vor fleißig gearbeitet wurde, die Wirtschaft ins Stocken geriet. Es war einfach zu wenig Geld im Umlauf, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen abwickeln zu können. Das lag ja in den Truhen der Fugger.
Und die Fugger etablierten ein System des Verleihens und der Zinsnahme. Kaiser Maximilian I. selbst litt unter extremem Geldmangel und musste sich bei den Fuggern Geld leihen. Selbst seine Hoheit war gezwungen, Zinsen zahlen zu müssen, und geriet in die nahezu totale Abhängigkeit der Fugger. Gleichzeitig musste der Kaiser seinem Volk höhere Steuern abverlangen, um seine Zinsen bezahlen zu können. Das führte zu großer Armut im Volk sowie zu Aufständen und Protesten. Um Herr der Lage zu sein, vergrößerte der Kaiser seine Armee, um das Volk in Schach zu halten. Dazu brauchte er wieder Geld, das er nicht hatte. Jakob Fugger half zwar aus, aber vergrößerte dadurch nur die finanzielle Abhängigkeit des Kaisers.
Dieser Vorgang fand in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts durchaus seine Parallelen. Als Beispiel will ich das Verhalten des IWF gegenüber den Ländern der Dritten Welt nennen, das mittlerweile von zahlreichen Autoren und Organisationen angeprangert wird. Letztlich wird die gesamte Welt von den Banken mit der Drohung des Kapitalentzugs erpresst und politisch auf einem den Banken genehmen Kurs gehalten.
Was führte zum Ende der glücklichen Zeit der Gotik? Die Habgier einiger weniger Menschen hat eine kleine Veränderung im damaligen Währungssystem ausgelöst und die Lebensumstände vieler Menschen dramatisch verändert. Die weiteren Folgen waren noch verhängnisvoller: Es fand eine Änderung im Denken der Menschen statt. Geld und Geldeswert nahmen plötzlich einen Stellenwert im Leben der Menschen ein, der die ethischen Werte überrollte. Ganz Europa wurde von der Gier nach Geld und Gold getrieben - selbst das Handeln der Menschen wurde dadurch bestimmt.
Kolumbus durfte seine Expedition nur unternehmen, weil er dem König von Spanien versprach, große Mengen Gold aus der neuen Welt mitzubringen. Pizarro löschte ganze Völker aus, um die Gier nach Gold zu befriedigen. Die Welt hatte sich verändert: Wo früher das friedliche Streben zur Mehrung des allgemeinen Wohlstandes diente und zum Entstehen der Hanse beitrug, fegten jetzt Kriege über ganz Europa. Auch die Neue Welt wurde gnadenlos ausgebeutet und ihre Völker vernichtet. Europa hat sich in ein oligarchisches System verwandelt.
Übrigens ist die Einführung von Papiergeld ein wichtiger Punkt in der Geschichte des Geldes. Basierte Geld bis dahin immer auf dem Vorhandensein von mehr oder minder wertvollen Metallen, so eröffnete das Papiergeld völlig neue Möglichkeiten. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts litt Frankreich nach dem Tode Ludwig des XIV. unter extrem hoher Verschuldung. Die Zinslasten überstiegen die Staatseinnahmen. In ihrer Not nahmen die Franzosen den Rat des Schotten John Law an, Papiergeld auszugeben - Papierscheine sollten von nun an rares Edelmetall ersetzen. Dieser Vorschlag von John Law war bereits in anderen Ländern diskutiert und verworfen worden. In Frankreich war jedoch die Not so groß, dass man John Law beauftragte, eine Bank zu gründen und sein Papiergeld auszugeben. Das funktionierte zuerst sehr gut und die Wirtschaft in Frankreich begann wieder zu florieren. Da aber noch keine Kenntnisse und Erfahrungen mit dieser neuen Form des Geldes vorhanden waren, kam die Ernüchterung sehr schnell. Unmäßige, gierige und unbedachte Potentaten veranlassten das hemmungslose Drucken von Papiergeld. Bald war so viel Papiergeld im Umlauf, dass es den Wert aller Güter und Dienstleistungen um ein Mehrfaches überstieg. Die erste Inflation war unausweichlich und für die meisten Menschen ein ungewöhnlicher Vorgang. Wegen der nominalen Halbierung des Geldwertes machten die Bürger einen Aufstand. Gesetze wurden geändert und Frankreich versank im Chaos. Durch Flucht außer Landes konnte sich John Law dem Volkszorn entziehen und so sein Leben retten. Trotzdem hat sich das Papiergeld durchgesetzt. Allerdings wurden auf Grund schlechter Erfahrungen strenge Regeln für die Ausgabe von Papiergeld in Kraft gesetzt: Es muss immer gedeckt sein - normalerweise mit Gold. Das heißt, jeder Geldschein muss jederzeit in Gold zurückgetauscht werden können, wenn es verlangt wird. Das heißt aber auch, dass die zirkulierende Geldmenge davon abhängig ist, wie viel Gold ein Land besitzt.
Und hier sind wir wieder bei den spanischen Konquistadoren, die um des Goldes willen ganze Völker ausrotteten. Das neunzehnte und die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert waren geprägt durch den Kampf ums Gold. Jede Nation versuchte mit allen Mitteln, inklusive Krieg, den anderen die Goldreserven zu nehmen, um wirtschaftliche Vorteile zu erzwingen. Besonders die Amerikaner waren sehr geschickt darin, Kriege und deren Folgen zur Mehrung ihrer Goldvorräte zu nutzen. War es einem Land nicht mehr möglich, den Goldbezug seiner Währung zu garantieren (wie beispielsweise Deutschland nach dem ersten Weltkrieg), so war eine völlige Geldentwertung durch Inflation die Folge. Not und Elend folgten auf dem Fuße. Tatsächlich zieht sich durch fast alle bisherigen Inflationen ein roter Faden: Nach einem Krieg erfolgen an die Sieger unmäßig hohe Reparationszahlungen, die selbstverständlich in Gold geleistet werden.
Abgesehen von den negativen Aspekten der Goldgier und ihren Folgen, hat uns das System des goldgestützten Papiergeldes eine Zeit pekuniärer Stabilität und Prosperität gegeben. Der größte Nutzen dieses Systems liegt aber darin, dass es wundersame, unkontrollierte Geldvermehrungen weitgehend unterbindet.
Leider haben wir dieses System nicht mehr. 1964 wurde die Goldanbindung des US-Dollars und in Folge aller Währungen aufgegeben. Seit dieser Zeit befinden wir uns wieder in einem ähnlichen Zustand wie zu Zeiten John Laws. Die Geldmengensteuerung unterliegt völlig neuen Gesetzen und wird durch eine stetig wachsende Anzahl von kreativen Instrumenten außer Kraft gesetzt. Und niemand sieht sich in der Lage, durch effektive Gesetze und Regeln der Geldgier Einhalt zu gebieten. Insbesondere seit der Erfindung des elektronischen beziehungsweise virtuellen Geldtransfers ist es praktisch unmöglich, die betrügerischen Machenschaften der Oligarchen und ihrer Helfershelfer zu unterbinden.
Sicherlich gab es kluge, vorausschauende Menschen, welche die Folgen der Abkoppelung des Geldes vom Gold gesehen haben. Mahnungen und Vetos gab es genug - jedoch waren die Aussichten auf Gewinne durch Geldmanipulationsmöglichkeiten so gigantisch, dass mit allen Mitteln die Freigabe des Geldes vom Gold durchgedrückt wurde. Manche Leute behaupten, dass Kennedy sterben musste, weil er strikt gegen die Freigabe des Dollars vom Gold votierte. Er soll gesagt haben: „Nur über meine Leiche!“


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