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Leseprobe: Weg vom Don zur Isar Teil 2

Leseprobe: Weg vom Don zur Isar Teil 2

Von der fixen Idee getrieben, den Donez zu überqueren, um wenigstens einen Fluss näher an die Front und somit an die Deutschen zu kommen, suchte Grigorij als Allererstes eine Brücke. Die nächste Brücke war in Krasnodonezkaja. Also legte er wieder den ganzen Weg zu Fuß zurück, den er einen Tag vorher gekommen war. Bei dem Posten an der Brücke wies er sich mit dem neuen Wehrpass aus.
„Deinen Pass muss ich auch sehen.”
„Aber ich habe keinen. Hier, ich kann höchstens noch mit meinem Führerschein dienen: Er ist mit meinem Lichtbild versehen.”
„Das genügt nicht. Ich muss dich anhalten und nach Belaja Kalitwa zur Überprüfung schicken. Komm zur Wachstube!”
„Nee, Freundchen, von Belaja Kalitwa komme ich gerade! Guck dir das Ausstellungsdatum auf dem Wehrpass an: Er ist mir heute dort ausgestellt worden.”
„Ja, wenn es so ist ... Gehe weiter deines Weges, Kamerad.”
Auf der rechten Seite des Donez sind einige Kohlengruben zu sehen. Kotow wählte die nächstliegende und wurde von dem Transportverwalter als Kraftfahrer angestellt. Eine Eisenbahnlinie gab es nicht und die Kohle musste mit Lastautos nach Belaja Kalitwa zur Bahn befördert werden. Von dem einst sehr ansehnlichen Autopark wurde der größere Teil für die Front mobilisiert, und von dem schäbigen Rest waren nur einige wenige aus der Evakuation zurückgekehrt, nachdem diese wieder abgeblasen wurde. Für die alten, in verschiedenen Stadien des Zerfalls sich befindlichen sechs Vehikel waren außer Kotow noch vier Kraftfahrer vorhanden. Die meiste Zeit verbrachten sie mit kein Ende findenden, behelfsmäßigen Reparaturen. An einen regulären Abtransport der Kohle war nicht zu denken. Es gab auch kaum etwas zum Abtransportieren. Nachdem die bei der Evakuation angelegten Sprengkörper aus dem Schacht und aus dem Maschinenhaus entfernt wurden, nahm die Zeche einen notdürftigen Erhaltungsbetrieb auf. Die Leute reichten gerade dafür aus, die Grube vor Verfall und Überschwemmung zu bewahren. Nebenbei wurden einige wenige Zentner Kohle für die Heizung der Wohnungen gefördert. Nur ab und zu konnte ein Lastwagen voll als ganz besondere Vergünstigung diesem oder jenem der Rayon-Großen spendiert werden. Meistens im Umtausch gegen eine kleine Zuteilung von Zimmerungsholz.
Am wichtigsten war das Abholen von einigen Kilogramm Hirse oder ein paar Säcken Mehl aus Schachty oder Rostow für die winzigen Lebensmittelzuteilungen und für das Speisehaus. Jedes Mal mussten die hundert oder zweihundert Kilometer in einer mehrtägigen Fahrt durch die gewaltigen Schneeverwehungen bei dreißig, vierzig Grad Kälte mühsam erkämpft werden.
Nach erfolgter Anstellung ging Kotow zum erstbesten Wohnhäuschen, klopfte an und bat um Unterkunft.
„Komm nur herein, guter Mann! Wir werden schon eine Ecke und ein Bett für dich finden. Es ist beruhigend, einen Mann im Hause zu wissen in diesen unruhigen Zeiten.”
Eine vierzigjährige Frau und ihre sechzehnjährige Tochter wohnten allein, nachdem ihr Mann und Vater, ein Hauer, eingezogen worden war. Sie behandelten Grigorij vom ersten Augenblick an wie ein Familienmitglied, wuschen und flickten seine Kleider und wollten von irgendeiner Bezahlung nichts hören. Er zeigte sich durch Hausverrichtungen erkenntlich, die das Geschick und die Kraft eines Mannes erforderten. Die Tochter überließ ihm ihr eigenes Bett und schlief mit ihrer Mutter zusammen im breiten Ehebett. Es waren insgesamt nur zwei Stuben vorhanden, beide Betten standen in demselben Raum, nur in verschiedenen Ecken. Das störte niemanden. Abends, beim Ausziehen, wurde kein Licht angemacht, und morgens, beim Anziehen, wenn es bereits hell war, wurde einfach nicht hingeblickt.
An langen Winterabenden und an Sonntagen, wenn Kotow nicht auf einer mehrtägigen Fahrt war, versuchte er seine Spitzfindigkeit im Basteln von Mausefallen. Es mussten Geräte sein, die einen Massenfang ermöglichten. In diesem Winter gab es eine einzigartige Mäuseinvasion. Es kam eine unbekannte Mäuseart - nicht die gewöhnliche Hausmaus, aber auch keine richtige Feldmaus - in die Häuser. Vorher, im Herbst, vermehrten sie sich milliardenfach in den Feldern. Im Winter waren unter dem Schnee überall ihre Gänge, wahre Tunnels, kreuz und quer verlegt. Im Dezember überfielen sie die Wohnstätten der Menschen. In jedem Haus waren Tausende der grauen Tierchen erschienen. Es raschelte und piepste ununterbrochen unter den Fußböden, in den Decken, in den Wänden. Am helllichten Tag liefen sie scharenweise in den Wohnungen umher. Wenn sich jemand an den Tisch zum Essen setzte, kletterten sie sofort behände an den Tischbeinen und am Körper der Menschen empor auf die Tischplatte und stürzten sich auf die Speisen. In der Nacht knabberten sie die Zeh- und Fingernägel und die Hornhaut bei den Schlafenden ab. Dabei drangen oft ihre scharfen Gebisse in das lebendige Fleisch ein. Man zog für die Nacht dicke Socken und Handschuhe an, umwickelte den Kopf mit Tüchern.
Zum Überdruss setzte ein Massensterben der Katzen ein. Scheinbar war diese Mäuseart giftig. Nach dem Genuss einer Maus verendete die Katze unter kläglichen Wehschreien. Die wenigen überlebenden, es waren meistens ältere Tiere, wurden wahrhaft königlich behandelt und erhielten die besten Leckerbissen vom Tisch, damit sie nicht in die Versuchung kamen, eine giftige Maus zu verspeisen. Sie belohnten die Fürsorge, indem sie die Mäuse in großer Zahl töteten und liegen ließen. Kotows Hausfrau gehörte zu den wenigen Glücklichen, denen ihr vierbeiniger Liebling erhalten blieb. Sie schaufelte jeden Morgen einen von ihm in der Mitte des Zimmers säuberlich aufgeschichteten Haufen getöteter Schädlinge in ihren Kehrichteimer, während die Katze selbst in ihrem warmen Nestchen selig schlief, von den Anstrengungen der nächtlichen Jagd erschöpft. Weitere zwei Eimer voll Mäuse wurden jeden Morgen und jeden Abend aus Kotows Mausefallen herausgeholt. Es gelang nicht, das Häuschen ganz von der Plage zu befreien, da der Nachschub von außen anhielt, aber es wurde erträglicher.
Die Kunde von Kotows Kunst verbreitete sich, und die Nachbarn baten ihn, seine Fangvorrichtungen auch für sie anzufertigen. Sie belohnten ihn mit kargen Lebensmitteln. Er erhielt sogar neue Wäsche und warme Socken.
Im Frühjahr waren die Mäuse plötzlich spurlos verschwunden, als ob sie nie da gewesen wären. Das Rätsel ihres Verschwindens blieb ungelöst, genauso wie ihr plötzliches Auftauchen im Herbst in solchen Massen ungeklärt blieb. Auch die alten Leute konnten sich an ein derartiges Phänomen von früher her nicht erinnern, und es hat sich nicht wiederholt.
Lusja, ein hübsches zwanzigjähriges Mädchen, wohnt bei den Leuten im Nachbarhaus. Grigorij sieht sie nur selten und flüchtig in der Morgendämmerung oder in den Abendstunden, wenn er früh zur Arbeit geht oder spät nach Hause kommt. Dann begegnet er ihr gelegentlich, wenn sie in ihrer unförmigen Arbeitskluft zu der Gruppe eilt, die mit dem Bau von Befestigungen irgendwo am Fluss beschäftigt ist, oder sich müde nach Hause schleppt.
An einem Sonntag sieht er sie an einem Tisch im Speisehaus allein sitzen, als er dorthin zum Mittagessen kommt. Sie trägt dieselbe Arbeitskleidung wie an jedem anderen Tag. Die übliche Fufajka und die wattierte Hose verbergen ihre schlanke Figur. Grigorij setzt sich zu ihr, knüpft ein Gespräch an, wie es sich unter Nachbarn gehört, die ihre Quartiere nebeneinander haben. Sie gibt einsilbige Antworten. Das schöne Gesicht ist ausgemergelt, vom Wind gerötet und gegerbt. Glanzlose Augen blicken müde, trüb ... Sie war Studentin am Polytechnikum in Leningrad. Sie hat die Belagerung der Stadt miterlebt. Gott sei Dank nur kurz. Sie möchte sich nicht einmal vorstellen, was dort jetzt vorgeht! Schon als sie noch dort war, war es mehr als schlimm. An die Flucht über den Ladoga-See im Bombenhagel mag sie nicht erinnert werden. Aber sie zählt zu den wenigen Glücklichen, die aus Leningrad herausgekommen sind. In Krasnodonezkaja hatte sie einen Onkel und kam deshalb hierher. Als sie hier angekommen war, erfuhr sie, dass der Onkel in die Armee eingezogen und seine Familie irgendwohin in den Ural gezogen war. Sie wurde für den Befestigungsbau zwangsverpflichtet, man lässt sie nicht mehr weg von hier. Sie zeigt ihre zierlichen Hände. Die Handflächen sind steif mit Hornhaut bedeckt, unter der die ursprünglichen Blutblasen zu großen, schwarzen Flecken verkrustet sind. Es ist ein trostloses, hoffnungsloses Leben. Sehr früh, noch im Dunklen aufstehen, mehrere Kilometer zu Fuß an den Fluss marschieren, den ganzen Tag hindurch nutzlose, sinnlose Panzersperren bauen, die sehr einfach umgangen werden können. Abends den müden Körper wieder kilometerweit nach Hause schleppen, ins Bett fallen und sofort todähnlich schlafen. Die Nacht ist zu kurz, kaum ist man eingeschlafen, muss man schon wieder aufstehen und wieder dieselbe tägliche Routine durchmachen. Nur jeden zweiten Sonntag darf sie ausschlafen, wie heute. Die anderen Sonntage werden durchgearbeitet wie Arbeitstage. Jetzt geht sie nach Hause und legt sich wieder zum Schlafen, um für die kommenden zwei Wochen Kraft zu schöpfen ... Danke, Grischa, für die Teilnahme. Aber was nützt es? Das ganze Leben hat jeden Sinn verloren. Wie oft will man gar nicht aufwachen, sehnt sich nach dem Tod im Schlaf ...
Die Fahrerkollegen witzeln derb am nächsten Tag. Sie haben Kotow im Gespräch mit Lusja gesehen. „Bei der wirst du kein Glück haben! Schon einige haben es versucht, bei ihr anzukommen. Eine verdammt hübsche Puppe! Aber sie blitzt jeden ab.” „Was seid ihr für blöde Kerle! Merkt ihr denn nicht, dass dieser M e n s c h schon mehr tot als lebend ist? Ihr widert mich an!”
Am übernächsten Samstag geht Kotow spät abends nach Hause. Am Nachbarhaus steht Lusja. Es scheint fast, dass sie auf ihn gewartet hat. „Grischa, möchtest du vielleicht hereinkommen?” Im Zimmer brennt kein Licht. Die Hausfrau muss in der Kohlengrube Nachtschicht machen, erklärt Lusja, und sie ist allein im Haus. Unerwartet umarmt ihn Lusja im Dunklen scheu, versteckt ihr Gesicht an seiner Brust, flüstert leise: „Willst du mich haben? Einen solchen Halbmenschen, wie ich jetzt bin? Bitte, Grischa, ich muss mir selbst beweisen, dass ich noch lebe!” ...
Lusja ist sehr bald in einen tiefen Schlaf gefallen. An ihrer Seite lauscht Grigorij ihrem Atem, betrachtet im einfallenden Mondlicht ihre Gesichtszüge, die von der Witterung so verraut sind. Erst nach langer Zeit wagt er, sich leise zu bewegen, will sich entfernen. Lusja wacht auf, blickt ihn erschrocken und verständnislos an. Nach einigen Sekunden dämmert in ihr die Erinnerung. Sie greift nach ihm, drückt ihn wieder verlangend an sich.
Später, als Grigorij gehen will, damit die von der Arbeit zurückkommende Hausfrau ihn hier nicht antrifft, umarmt Lusja seinen Hals mit beiden Händen, sagt bittend in sein Ohr: „Vergib mir, Grischa! Ich habe dich nur benützt, um schwanger zu werden. Schwangere werden von den Bauarbeiten befreit und ins Hinterland abtransportiert. Es ist besser, ich sage es dir gleich, damit du nichts anderes von mir erwartest.” ...

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