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Leseprobe: Weg vom Don zur Isar Teil 1

Leseprobe: Weg vom Don zur Isar Teil 1

Eines Tages, kurz vor der Abenddämmerung, entfernt sich Peter von der aufgeschlagenen Lagerstätte mit dem lustig prasselnden Feuer unter dem aufgehängten Eimer voll Wasser für den Abendbrei. Eine Waldblöße erregte vorher seine Aufmerksamkeit dadurch, dass sie irgendwie ungewöhnlich aussah. Es war etwas an ihr, was sie von all den anderen Blößen unterschied. Nun will er sie näher betrachten und stellt fest, dass, anstelle des üblichen Berggrases, hier das Unkraut wächst, wie man es in einem stark vernachlässigten Gemüsegarten sieht. Zu seiner Verwunderung entdeckt er, dass die ganze Fläche mit großen Kartoffelbüschen bewachsen ist, die vom Unkraut überwuchert sind.

Junge Kartoffeln, denkt er, eine willkommene Bereicherung unserer Speisekarte! Es müsste doch jemand in der Nähe wohnen? Er betrachtet die Umgebung, kann jedoch keine Spuren einer Behausung sehen. Da steht aber noch etwas, was einer näheren Betrachtung wert ist - eine Riesenbuche! Peter hat schon viele Waldriesen hier gesehen, dieser Baum übertrifft sie alle: Sein Stamm hat mindestens zweieinhalb Meter Durchmesser! Ehrfurchtsvoll geht Peter um ihn herum und sieht zwischen zwei dicken Wurzelansätzen ein dunkles Loch, so groß, dass ein menschlicher Körper sich durchzwängen ließe. Er fühlt zuerst mit der Hand hinein, trifft eine Leere auf ganze Armlänge. Nun holt er Streichhölzer aus der Hosentasche, hält sie in der Hand bereit und beginnt, auf dem Bauch liegend, hineinzukriechen. Angst hat er keine. In einem solchen Unterschlupf könnte vielleicht ein Fuchs oder ein Bär wohnen. Der Bär wird jetzt, im Sommer, auf keinen Fall zu Hause sein, er bezieht sein Heim nur für den Winter. Vor einem Fuchs oder gar einem Wolf fürchtet sich Peter nicht. Ihre bewohnte Liegestätte wäre außerdem am starken Gestank sofort zu erkennen, der hier nicht vorhanden ist. Er schiebt seinen Oberkörper durch die Öffnung immer tiefer in den dunklen, unerwartet großen, leeren Raum.
Plötzlich ertönt aus der tiefen Finsternis eine leise menschliche Stimme: „Bitte, erschrick nicht!” Wie gelähmt bleibt Peter bewegungslos liegen. Die Erinnerungen an die Sagen von den gerade in solchen alten Bäumen lebenden Waldgeistern tauchen blitzartig auf. Soll es sie am Ende doch wirklich geben? Ach was, das ist ja Unsinn! „Wer ist da?”, fragt er heiser mit unnatürlicher, zitternder Stimme.
„Ein Mensch wie du“, klingt es zurück. „Komm weiter durch. Willkommen in meiner guten Stube!”
Peter kriecht ganz in die Dunkelheit hinein, setzt sich vorsichtig auf und reibt ein Streichholz an. Dicht neben sich sieht er einen auf dem Boden hockenden Mann mit sehr langen Kopfhaaren und großem, dunklem Vollbart, der sein ganzes Gesicht bedeckt. Beim Licht eines zweiten Streichholzes betrachtet er das Bauminnere. Die natürliche Baumhöhle wurde mit einem groben Werkzeug, wahrscheinlich einem Beil, auf einen Durchmesser von etwa zwei Metern und ungefähr auf dieselbe Höhe ausgearbeitet und einigermaßen glatt und gleichmäßig gemacht. Oben, in der Mitte der „Decke”, zeigt eine schmalere, dunkle Öffnung die ursprüngliche ausgefaulte Höhlung, die sich in ungewisser Höhe verliert. An der runden, vom Baumstamm gebildeten Holzwand ist eine Liegestätte aus trockenem Moos ausgebreitet, daneben liegen ein Beil, ein kleiner Kochkessel und ... einige Bücher. „Eine Verschwendung des kostbaren Gutes - der Streichhölzer!“, brummt der Mann. „Hättest sie lieber mir geschenkt! Schade um jedes Stück. Komm in das Tageslicht, oder richtiger gesagt, Abendlicht. Draußen können wir uns gegenseitig besser betrachten.”
Peter kriecht, ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, schnell hinaus. Gleich hinterher erscheint aus der Öffnung der Unbekannte. Seine Bekleidung ist sehr altersschwach, doch sauber gewaschen und geflickt. Der Bart lässt sein Alter nicht erkennen.
„Komm weiter in den Wald, Bruder. Ich will nicht durch längeren Aufenthalt bei meiner Wohnung sichtbare Spuren hinterlassen.” In einer Entfernung von etwa hundert Metern setzen sie sich auf den nach Pilzen duftenden Waldboden.
„Nun erzähle, Bruder, wer seid ihr und was sucht ihr hier? Ich habe euch schon vor einigen Stunden gesehen. Dass ich keine feindlichen Absichten habe, kannst du daraus ersehen, dass du am Leben bist, obwohl ich mein Beil bei der Hand hatte, als du durch das Loch kamst. Zu den Polizeitruppen gehört ihr nicht, aber auch seid ihr keine Flüchtlinge, das sieht man gleich. Was tut ihr also?”
In kurzen Worten erklärt ihm Peter, wer sie sind und was sie tun. Er brennt vor Neugierde, seinerseits etwas über den Fremden zu erfahren, nur wird seine Wissbegier nicht ganz befriedigt. „Brüderchen“, sagt der Bärtige, „die Bolschewiken sind nicht das, was sie zu sein vorspiegeln. Es gab eine Zeit, da ich selbst von der kommunistischen Idee so begeistert war, dass ich unter dem Zaren meine Freiheit und dann im Bürgerkrieg mein Leben dafür einsetzte. Lenin persönlich hat mir den Orden der Roten Fahne an die Brust geheftet und mich geküsst. Ich habe ihn gut gekannt, den Lenin ... Es war alles umsonst, die ganze Revolution. Das Volk ist aus dem zaristischen Feuer in die bolschewistische Flamme geraten. Betrogen sind wir alle, unverschämt betrogen! Halte nur deine eigenen Augen und Ohren schön offen, Brüderchen, du wirst schon selbst merken, dass alles auf einem Betrug aufgebaut ist ... In diese durch und durch verlogene Bande bin ich mit meinen schönen, reinen Idealen geraten! Im Blut, im menschlichen Blut sind die Ideen ertränkt! Das Menschenleben ist keinen Pfifferling mehr wert. Millionen von besten Menschen werden umgebracht, damit die Verbrecherbande die Macht über unser schönes Land behält ... Du kannst dir selbst ausdenken, warum ich mich hierher verkrochen habe. Leb` wohl, Bruder! Ich wünsche dir, dass du nicht unter den Rädern der Teufelsmühle umkommst ... Schenke mir bitte ein paar Streichhölzer, etwas Salz hast du nicht? Wenn du jemandem von mir erzählst, wird hier eine große Treibjagd auf mich veranstaltet. Vielleicht fangen sie mich zum Schluss. Mir ist schon alles gleich, ich bin des Hundelebens müde. Übrigens wohne ich in diesem Baum nicht immer und habe ihn schon in diesem eingerichteten Zustand vorgefunden. Ich benutze ihn nur ab und zu, wenn ich meine Kartoffelplantage besuche. Das Unkraut lasse ich absichtlich wachsen, damit mein Gemüsegarten nicht auffällt. Ich habe noch schönere Quartiere und genug Essensvorräte für den Winter. Leb` wohl!”
Peter gab dem Mann alle seine Streichhölzer, einschließlich zweier Reserveschachteln, die er in der Jackentasche hatte. Beim Abendessen war er schweigsam und nachdenklich. Nach dem Essen wickelte er heimlich etwas Salz in ein Blatt Papier ein und ging wieder zum großen Baum, den er diesmal leer fand. Der Eingang war mit trockenem Laub und ausgedörrten Baumzweigen getarnt. Er schob das Päckchen weit in die Öffnung hinein und brachte die Tarnung wieder sorgfältig in Ordnung. Über die Begegnung hat er nicht einmal seinem Freund Mykola erzählt.

Zwei, drei Wochen später, beim Pilzsammeln, entdeckten die Freunde gemeinsam an einem anderen Ort noch ein Versteck. An einem mit Laubwald bewachsenen Berghang, wo unter dem alten Laub schöne Pilze wuchsen, grub Mykola in ein Laubhäufchen seine Hand hinein und entblößte dadurch ein Stück von einem roh bearbeiteten Brett. Nach dem Entfernen des Laubes kam ein viereckiger Holzdeckel zum Vorschein. Mykola meinte, er hätte einen verborgenen, alten Schatz gefunden. Der Deckel ließ sich leicht heben, darunter wurde ein kurzer, schmaler Gang mit Holzstufen sichtbar, der nach etwa zwei Metern mit einer groben Tür endete. Diese war unverschlossen und mit einem Holzstäbchen von außen verriegelt. Hinter der Tür sahen die Freunde ein regelrechtes Zimmer, etwa vier mal vier Meter groß und so hoch, dass man die Decke mit der ausgestreckten Hand gerade berühren konnte. Der Boden, die Wände und die Decke bestanden aus Brettern, sie sahen bereits ziemlich morsch aus. Zwei primitive Pritschen, zwei große Holztruhen aus rohen Brettern und ein kleiner, aus Steinen und Lehm aufgebauter Herd bildeten die Einrichtung. Den Rauchabzug fanden die Freunde draußen unter einem großen, losen Steinhaufen, indem sie aus Neugierde ein kleines Feuerchen im Herd anlegten und nach dem aufsteigenden Rauch Ausschau hielten.
Die Truhen enthielten keine Schätze: Die eine war leer, in der anderen war ein Haufen Haselnüsse, von Mäusen zerfressen. Auf einer Pritsche lag ein sorgfältig zusammengelegtes gold- und silberbesticktes Priestergewand und darunter zwei kirchliche Bücher in altslawischer Sprache, die bis zum heutigen Tag von der russischen orthodoxen Kirche verwendet wird. Es war zu sehen, dass diese Stätte seit langer Zeit unbewohnt war. Die Freunde verließen sie in demselben Zustand, in welchem sie sie gefunden hatten, und deckten den Zugang mit dem alten Laub wieder zu. Für die Diener der Kirche hatten sie keine Sympathien. Alle Fragen der Religion wurden mit dem kurzen Satz abgetan: „Es gibt keinen Gott, die Kirche ist ein Schwindel.” Diese Weisheit hatten sie so oft gehört und selber wiederholt, dass sie ihre Richtigkeit nicht anzweifelten. Sie hatten keine Gelegenheit gehabt, gegenteilige Beweise zu hören. Dass die Priester verfolgt wurden, erschien ihnen durchaus gerecht. „Die Popen, diese Schwindler und nichts tuenden Faulenzer, verdienen doch auch nichts Besseres! Arbeiten sollen sie lernen, die Drohnen!”
Der Fund brachte sie jetzt auf diesbezüglichen Gedankenaustausch: „Was ist mit den Tausenden von Priestern und Mönchen geschehen, die hier eine Zuflucht gefunden hatten? Wahrscheinlich hat man sie in die Zwangsarbeitslager geschickt. Warum aber sagen die hiesigen Bewohner das nicht? Wenn diese Leute von hier abgeführt wurden, dann könnten es die Siedler doch ruhig erzählen! Wurden sie womöglich glatt abgeknallt, hier, an Ort und Stelle? Das würde das Schweigen der Siedler erklären, weil man ihnen dann unter Androhung desselben Schicksals die strengste Verschwiegenheit befohlen hat. Möglich wäre es durchaus! Die Gerüchte über ähnliche Taten der GPU-Einheiten zirkulieren hartnäckig in allen Gegenden des Landes, unter sehr guten Bekannten geheimnisvoll ins Ohr geflüstert. Meistens handelt es sich dabei um Kulaken, die dorfweise vernichtet wurden, manchmal auch um andere Volksfeinde, welche dem Kommunismus schädlich sind. Man kann nicht nachprüfen, inwieweit diese Gerüchte stimmen. Die alte Volksweisheit besagt jedoch, dass es keinen Rauch ohne Feuer gibt ... Es muss doch hinter diesem Geflüster etwas stecken ... Auch wird überall laut gesagt, man dürfe dem Feind keine Gnade geben. Und wenn man bedenkt, wie viele Priester, Mönche, Nonnen überall in ganz Russland waren und dass man gar keine mehr sieht, dann kommt unwillkürlich die Frage, wo sind sie alle jetzt? Es wird gemunkelt, sie wären auf die Solwetzkij Inseln im Weißen Meer verschickt worden und leben dort und lernen zu arbeiten. Es ist aber unmöglich, sie alle dort unterzubringen. Wahrscheinlich sind sie doch zum großen Teil vernichtet worden. Zwar sind sie Parasiten, aber solche Grausamkeit wäre doch nicht notwendig ... Auch die so genannten Kulaken waren eigentlich meistens ganz einfache Bauern, viele davon sehr ordentliche Leute sogar, die niemandem etwas Böses getan haben.

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