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Leseprobe Verteidigung am Hindukusch

Leseprobe Verteidigung am Hindukusch

Bakschisch
Im UN-Bericht über Bestechlichkeit (2006) hat Deutschland lediglich den 15. Platz erreicht. Als Gründe für diese schlechte Platzierung wurden Schmiergeldzahlungen, insbesondere in der Bauwirtschaft und in der Pharmaindustrie, genannt. Afghanistan dagegen befindet sich in der Spitzengruppe unter den ersten drei. Hierzu folgende Begebenheit, die sich in Pol-e Chomri zugetragen hat:
Ein Bauunternehmer, ich nenne ihn mal Sayd Qayum, der sich sehr um Aufträge der Bundeswehr bemühte und bereits viele Vorhaben mit den Hilfsorganisationen umgesetzt, aber auch für die CIMIC (Zivil-Militärische Zusammenarbeit) Projekte realisiert hatte, ließ mir eines Tages über meinen afghanischen Übersetzer Mustafa vermitteln, dass er sehr an weiteren größeren Bauvorhaben interessiert sei und überall in den Nordostprovinzen – sogar in Kabul – für uns tätig werden könnte. Er bat mich um eine Unterredung, und bei einer Tasse grünen Tee besprachen wir die Angelegenheit.
Er eröffnete das Gespräch, indem er seiner besonderen Liebe zu Deutschland Ausdruck verlieh und auf die gemeinsame Abstammung beider Völker verwies. Dann erkundigte er sich, ob ich mit den Projekten, die er bisher realisiert hatte, zufrieden sei. Als ich ihm zu verstehen gab, dass es nichts zu kritisieren gebe und ich mit seiner Arbeit durchweg einverstanden sei, meinte er mit ernster Miene, dass man gewissermaßen unter Verwandten eine besondere Verantwortung, aber auch Liebe und Hilfsbereitschaft zeigen müsse. Er fand viel Verständnis und große Bewunderung für uns Deutsche, die wir unsere Familien für längere Zeit in Deutschland zurücklassen, um den Menschen im fernen Afghanistan zu helfen. Deshalb, so seine Ansicht, sollte man nicht nur gemeinsam den Wiederaufbau des geschundenen Landes betreiben, sondern durchaus auch Geschäfte abwickeln, die zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten gelingen und dabei auch zur persönlichen Freude bei den jeweiligen Geschäftspartnern führen. Als ich zustimmend nickte, kam er zu dem heiklen Punkt unseres Gesprächs: Er meinte, er würde mir gern etwas schenken, weil er über die bisherige Zusammenarbeit sehr erfreut sei und er diese gern fortsetzen würde. Da er aber nichts habe, was er mir spontan schenken könne, würde er mir gern zehn Prozent der Summe überlassen, die ihm die zukünftigen Geschäfte einbringen.
Er sah mich prüfend an, und als ich lachte, entspannten sich seine Gesichtszüge. Ich machte ihm klar, dass ich seine Offerte nicht annehmen könne, weil ich damit gegen die Gesetze verstoßen und mich also strafbar machen würde. Erschrocken nahm er meine Hand und entschuldigte sich, im Falle er mich beleidigt habe. „Mitnichten, mein Freund“, erwiderte ich gut gelaunt. „Ich empfinde es vielmehr als große Ehre, dass du mir persönlich etwas Gutes tun willst, weil du unsere Zusammenarbeit schätzt. Machen wir es doch anders: Bei jeder Ausschreibung, für die du den Zuschlag erhältst, darf ich zehn Prozent abziehen. So spare ich Geld und kann damit weitere Projekte durchführen.“
Sayd sah mich erschrocken an und meinte, das ginge so gar nicht, das würde erst recht gegen Gesetze verstoßen. Lachend nahm ich seine Hand, versicherte ihm meine Freundschaft und bat ihn, am nächsten Tag noch einmal vorbeizukommen, um die nächsten Projekte zu besprechen. Erleichtert verabschiedete er sich. Am Abend sprach ich mit meinen Offizieren über die Begebenheit, und einer von ihnen hatte eine geniale Idee. Er kannte eine Schule, wo Waisenkinder in Zelten unterrichtet wurden. Wir hätten gern eine feste Unterkunft gebaut, doch das war nicht möglich, weil sich die Schule auf einem Grundstück befand, das in Privatbesitz war. Aber mein cleverer Offizier sah dennoch einen Weg, wie wir einerseits den Kindern helfen und andererseits Sayd eine Gelegenheit geben konnten, seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Die Toiletten der Zeltschule waren mit Bastmatten abgedeckte Löcher – ein unhaltbarer Zustand. Hier sollte nun ein Toilettenhäuschen mit vier Latrinen gebaut werden.
Am nächsten Tag kam Sayd zum vereinbarten Zeitpunkt. Ich erklärte ihm, dass in Deutschland erfolgreiche Unternehmer ab und zu auch etwas für das Gemeinwohl tun, indem sie soziale Projekte großzügig unterstützen. Ich beschrieb Sayd – selbst Vater von sechzehn Kindern – das Los der Waisenkinder in der Zeltschule und bat ihn, für di „natürlichen Schätze“ Afghanistans etwas Gutes zu tun. „Ein erfolgreicher Geschäftsmann“, appellierte ich an seine Ehre, „der einen Teil seines Gewinns für soziale Zwecke einsetzt, ist ein wahrer Sohn Afghanistans.“ Sayd sah mich zunächst skeptisch an, meinte aber dann, nachdem er sich mehrmals nachdenklich über den Bart gestrichen hatte: „Bale, drost ast.“ („Ja, das stimmt.“) Innerhalb von nur drei Tagen baute Sayd die Toilettenanlage nach einer Mustervorlage, die er sich aus Europa hatte zuschicken lassen, und ließ das Häuschen weiß kalken. Für die Eröffnungszeremonie hatte ich das afghanische Fernsehen eingeladen. Stolz verkündete Sayd vor laufender Kamera: „Ich führe ein erfolgreiches Unternehmen, und es ist mir ein Bedürfnis, für unsere Kinder, die Zukunft Afghanistans, etwas Gutes zu tun. Als Sohn Afghanistans bin ich stolz, den Kleinsten und Schwächsten helfen zu dürfen.“

Ein-Euro-Job
Der erfolgreiche und aus Überzeugung letztlich spendable Unternehmer repräsentierte die eine Seite der afghanischen Gesellschaft – eher die Minderheit. Wesentlich häufiger begegnete ich Menschen, die niedrige Arbeiten für wenig Geld verrichteten. Etwa die zumeist älteren Männer, die auf den Schotterpisten mit der Schaufel in der Hand die Schlaglöcher flickten. Als Lohn für ihre Arbeit bekamen sie von den Autofahrern im Vorüberfahren ein paar Afghani (Wechselkurs zum US-Dollar ca. 1 : 50) zugesteckt. Solche Straßenarbeiter konnte man nicht nur in der Nähe von Dörfern antreffen, sondern auch mitten in der Wüste. Mir hat sich nie erschlossen, wo und wie diese Menschen leben. Vermutlich in einem der kleinen Zelte oder in einer Höhle, die man von der Straße aus erkennen konnte. Trotz dieser offensichtlichen Armut fiel mir allerdings auf, dass es in den Städten und Dörfern kaum Bettler gab.
Während die Fachleute der deutschen Entwicklungshilfe 2004 eifrig an der Planung einer etwa sieben Kilometer langen Straße in Kunduz herumbastelten (hier sollte endlich die Hauptstraße geteert werden), durften wir miterleben, wie Entwicklungshilfe auf Asiatisch funktioniert. Mit der Ankunft der Chinesen kam Bewegung nach Kunduz. Die beauftragten Ingenieure der „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“ (GTZ) überlegten fieberhaft, wie sie denn eine Schottermaschine nach Kunduz schaffen konnten. Die Chinesen überlegten nicht lange, sondern handelten! Nachdem sie die Ausschreibung für bestimmte Straßenabschnitte – vor allem die Ring Road – auf einer Länge von ca. 20 km gewonnen hatten, gingen sie schnurstracks in den Bazar, heuerten jeden verfügbaren Mann an und versprachen ihm fünf US-Dollar Lohn pro Tag. Am nächsten Tag standen 300 Mann in der Wüste und begannen, mit Schaufeln und Hacken eine Straße zu bauen. Von General Daout holten sich die Chinesen weitere rund 300 Soldaten, die ihre Waffen ablegten, um stattdessen Steine, die sie zunächst auf einen großen Haufen verbracht hatten, mit Hämmern und Muskelkraft zu Schotterkiesel zu verarbeiten. Das nenne ich praktische Hilfe!

Allerdings hatte die Sache auch einen Haken. Als ich einen Termin beim Direktor des Arbeitsministeriums hatte, beklagte sich dieser über die vielen Augenverletzten bei den Soldaten, verursacht von den Splittern der geschlagenen Steine. Seinerzeit hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu Herrn Dube, der bei der GTZ unter anderem für die Qualifikation von Handwerkern zuständig war. Glücklicherweise hatte er 500 Schutzbrillen auf Lager, die er mir bereitwillig zur Verfügung stellte. Zusammen mit dem Direktor des Arbeitsministeriums (Anm. d. Verfassers: da Afghanistan ein Zentralstaat ist, kann man nicht von einem Landesminister sprechen) fuhr ich zu dem Straßenabschnitt, wo die Soldaten die Steine klopften. Die abkommandierten Soldaten waren völlig baff, als er vor sie trat und von Arbeitsschutz sprach. Gemeinsam verteilten wir die Schutzbrillen, die mit Freude entgegengenommen wurden.

Man lud uns zu einer Tasse Tee ein und lobte die deutsch-afghanische Freundschaft. Der Direktor des Arbeitsministeriums meinte fragend: „In Deutschland ist man wohl sehr besorgt um seine Arbeiter? Ich würde gern dorthin reisen, um Erfahrungen für mein Ministerium zu sammeln.“ Ich lachte und fragte ihn auf Deutsch, ob er denn unsere Sprache sprechen würde. Das sei schließlich eine wichtige Voraussetzung, um in unserem Land Erfahrungen sammeln zu können. Natürlich verstand er nicht, und so machte ich ihm den Vorschlag, doch einmal bei den Entwicklungsdiensten nachzufragen, ob nicht einer von ihnen in Afghanistan Deutschkurse anbieten könnte. Ein solches Anliegen wurde vom Auswärtigen Amt jedoch abgelehnt mit der Begründung, dass zu viele Afghanen, wenn sie erst einmal in Europa seien, einfach untertauchten.

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