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Leseprobe Strandgut

Leseprobe Strandgut

Durch die Glasscheibe in der Verandatür hatte die Frau den auf den Holzdielen sitzenden Mann eine kurze Weile beobachtet. Den Rücken ihr zugewandt, saß er beinahe regungslos da – nur ab und zu hob er den rechten Arm, um den Wasserkrug an den Mund zu führen. So wie es aussah, war dieser weitgehend geleert. Vorsichtig öffnete die Frau die Tür und trat auf die Veranda.
„Möchten Sie noch Wasser?“, fragte sie mit sanfter Stimme. Sie sprach englisch mit erkennbarem Akzent.
Der Mann fuhr hoch, drehte sich um und musterte die Frau eingehend. Eine ansprechende Erscheinung, wie er auf den ersten Blick fand. Nicht mehr ganz jung, aber durchaus attraktiv. Soweit das weit geschnittene Kleid es zuließ, konnte er unter dem Stoff einen wohlproportionierten Körper vermuten. Oh ja, da könnte man was draus machen: ein elegantes Outfit, ein wenig Schminke, ein Friseur ...
„Ich denke, Sie möchten gern die nassen Kleider wechseln. Kommen Sie, ich habe alles vorbereitet. Und Frühstück gibt es auch.“
Die Selbstverständlichkeit, mit der die Frau ihn ansprach, irritierte Oliver. Hatte sie ihn erwartet? Oder gehörte es etwa zu ihren täglichen Gepflogenheiten, Schiffbrüchige vom Strand aufzulesen? Kein Erstaunen, keine Besorgnis, keine Fragen ...
„Ich habe Schiffbruch erlitten“, sagte er heiser und deutete zur Unterstützung seiner Worte aufs Meer hinaus. In seiner Stimme schwang das verhalten weinerliche Tremolo eines kleinen Jungen, dem man sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte, der aber unbedingt darauf bedacht war, eine männliche Aura zu wahren, und tapfer seine Tränen unterdrückte. Oliver sagte diese vier Worte auf Deutsch. Er hätte auch englisch sprechen können wie die Frau. Er beherrschte diese Sprache – und nicht nur die eine. Als Mann von Welt, weit gereist, ständig im Kontakt mit Geschäftspartnern aus aller Herren Länder ... Eigentlich wollte er ihr auch auf Englisch antworten, doch das Wort „shipwrecked“ wollte ihm nicht einfallen – er hatte es bislang ja auch noch nie gebrauchen müssen. Abgesehen davon, folgte er intuitiv dem Impuls der Muttersprache, die allein seine Erschütterung über das Erlebte in angemessener Weise vermitteln konnte.
„Ach, Sie sprechen deutsch?!“, antwortete die Frau nun in seiner Sprache. Über diesen besonderen Umstand schien sie offensichtlich überrascht. Nur für einen Augenblick. Sofort hatte sie zu ihrem sachlichen Ton zurückgefunden. „Schön, ich habe diese Sprache lange nicht mehr benutzt. So komme ich wieder etwas in Übung. Das ist gut.“
„Ich heiße Oliver Mertens“, sagte der Mann. Er versuchte ein smartes Lächeln und streckte ihr ein wenig ungelenk die Hand entgegen, die sie schließlich höflich annahm. Er fühlte sich nackt und unterlegen und hatte nichts, woran er sich festhalten konnte. Aus einer Position der Schwäche heraus agieren zu müssen, machte ihn unbeholfen und linkisch.
„Schätze, ich hatte Glück, dass es mich hier an Land gespült hat ... sozusagen direkt vor Ihre Haustür. – Ich meine ..., na ja, ich hätte auch auf einer ungemütlichen Felsenklippe landen können ... Ein herrliches Fleckchen Erde, wenn ich mich so umsehe, geradezu paradiesisch – und eine schöne Frau, die mich rettet ...“
„Mein Name ist Bettina Weingart“, unterbrach die Frau seine schwärmerische Rede und zog ihre Hand aus der seinen zurück. Die Art des Mannes, seine Dankbarkeit zu äußern, erreichte sie nicht. Übertreibungen und aufgesetzte Komplimente machten sie misstrauisch. „Ich habe Sie nicht gerettet. Sie hatten eine Schwimmweste, eine außerordentlich gute Konstitution und, wie es scheint, einen sehr aufmerksamen Schutzengel. Anstatt Sie zu verschlingen, hat das Meer Sie an den Strand unserer kleinen Insel gespült. Das Glück war auf Ihrer Seite – nicht mehr und nicht weniger.“
Die sachliche Betrachtungsweise der Frau irritierte Oliver erneut. Er hätte mehr weibliches Mitgefühl, mehr tröstliche Zuwendung erwartet. Und wie gut sein Schutzengel – oder wer auch immer – seinen Job gemacht hatte, blieb abzuwarten. Allein die Tatsache, auf einer Insel gelandet zu sein, wie er soeben ganz nebenbei aus ihrem Munde erfahren hatte, ließ doch schon erhebliche Zweifel aufkommen. Ein Strand am Festland wäre ihm sehr viel sympathischer gewesen ...
„Kommen Sie mit ins Haus, wir wollen frühstücken“, unterbrach die Frau seine Gedanken und stieg die kurze Treppe zur Veranda hoch.
Oliver folgte ihr und gelangte von der Veranda unmittelbar in den Salon. Ein geschmackvoll ausgestatteter Raum, funktional und durchaus gemütlich. Der schlichte Charme der Tropen: Rattan und Teak dominierten, leuchtend bunte Kissenbezüge, Leder. Dazwischen wohlgesetzte Akzente des europäischen Lebensstils, aufmunternde Zutaten der Zivilisation: ein altes Piano, mit Büchern und Schallplatten vollgepackte Regale, ein gravitätisches Trichtergrammophon, ein Kofferradio ...
„Schön haben Sie es hier“, kommentierte Oliver seinen ersten Eindruck. Diese Worte hatte er schon oft gesagt, mit diesem Satz fühlte er sich sicher. Das wollte jeder hören – damit konnte man nichts falsch machen.
„Hinter der Tür links ist das Bad“, sagte die Frau und zeigte in die Richtung. „Um diese Stunde ist das Wasser aus der Dachzisterne noch nicht sehr warm, aber kalt ist es auch nicht. Sie können duschen oder ein Bad nehmen, ganz wie Sie möchten. Hemd und Hose habe ich Ihnen bereitgelegt. Die Sachen müssten Ihnen passen.“
„Oh, vielen Dank. Sie haben wirklich an alles gedacht“, sagte Oliver mechanisch. Eine weitere oft erprobte Redewendung, die immer passte.
Das Badezimmer entsprach der bescheidenen Noblesse des Salons: frei stehende Keramikbadewanne auf Löwenfüßen, frei stehendes Duschgestänge am Wannenende, Kupferrohre über Putz, als Lüftung und Lichteinlass eine quadratische Öffnung in der Wand ohne Fenster oder Sichtblende. Der Blick hinaus blieb am satten Grün der in wenigen Metern Abstand zum Haus stehenden Bäume hängen. Unliebsame Zuschauer gab es hier nicht, und den Affen war es egal, wer unter der Dusche stand. Auf Baden hatte Oliver keine Lust. Er hatte lange genug im Wasser verbracht, und die Temperatur des Wassers aus der Dachzisterne war in der Tat eher geeignet für eine erfrischende Dusche. Diese praktischen Überlegungen und die Umgebung beschäftigten ihn nur am Rande. Seine Gedanken kamen nicht los von dieser Frau. Was war sie doch für ein merkwürdiges Wesen? Sie verhielt sich ihm gegenüber, als sei er ein angemeldeter Gast, der sich nur etwas verspätet hatte, weil er in einen heftigen Regenguss geraten war. Wie konnte sie so tun, als sei die Situation völlig normal? Wie kam sie dazu, ihm frische Kleidung hinzulegen und selbstverständlich davon auszugehen, sie würde ihm auch passen? Und der Krug mit köstlichem Wasser, als er am Strand wieder zu sich kam ... – Herrgott noch mal, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Sie ist eine Frau aus Fleisch und Blut und keine Hexenmeisterin – oder doch?!
Oliver wusch sich den Gestank des Meeres und der Algen vom Körper und shampoonierte seine Haare. Ein angenehmer Duft von Kokos und Aloe drang in seine Nase. Das tat gut. Die noch originalverpackte Zahnbürste auf dem Hocker neben der Wanne war offensichtlich auch für ihn gedacht. Er würde sich noch einmal eingehend bedanken müssen.
Er hatte Hunger, aber er war vor allem müde. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Müdigkeit empfunden. Ihm war, als hätte ein riesiger Saugmund alle Energie aus seinem Körper gesogen. Vielleicht erscheint mir deshalb alles so merkwürdig, dachte er, während er sich abtrocknete. Vielleicht ist die Situation viel normaler, als ich mir einbilde, und nur weil ich so übermüdet und erschlagen bin, reagiere ich übersensibel.
Die naturfarbene Leinenhose war ein wenig zu kurz, das schwarz-beige gemusterte, kurzärmelige Baumwollhemd spannte über den Schultern, aber es ging. Frische Socken und Unterhosen gab es nicht. Schuhe auch nicht. Seine teuren Slipper lagen irgendwo auf dem Grund des Meeres. Die einfachen Jesuslatschen, die die Frau ihm hingestellt hatte, entsprachen zwar nicht seinem Geschmack, doch sie würden ihren Zweck erfüllen. Erstaunlich: Der Mann, dem sie gehörten, musste dieselbe Schuhgröße haben wie er. Oliver war gespannt, ihn kennenzulernen.
In der Essecke des Salons hatte die Frau inzwischen ein üppiges Frühstück angerichtet: Kaffee, Fladenbrot, Käse, Eier, Früchte, Marmelade, getrockneten Fisch und andere Dinge, die Oliver auf den ersten Blick nicht zu identifizieren vermochte.
„Wie fühlen Sie sich?“, fragte sie einfühlsam, beinahe mütterlich. Sie hatte bereits am Tisch Platz genommen und geduldig auf das Ende seiner Morgentoilette gewartet, ohne eine der Köstlichkeiten anzurühren.
„Oh, danke. Ausgezeichnet! – Sehen Sie nur, die Kleider, die Sie mir hingelegt haben, passen sogar einigermaßen.“
„Das freut mich. – Setzen Sie sich. Sie müssen einen ordentlichen Hunger haben.“ Bettina lächelte und goss duftenden Kaffee ein.
Oliver nahm ihr gegenüber am Tisch Platz und betrachtete fasziniert die unerwartet große Auswahl an Speisen, die ihm hier offeriert wurde.
„Ja“, sagte er ruhig, „ich habe Hunger und ich werde es mir richtig schmecken lassen. Haben Sie noch einmal vielen Dank für Ihre außergewöhnliche Gastfreundschaft! – Aber vor allem bin ich müde“, fügte er beinahe traurig hinzu, während er sich ein dickes Stück Käse abschnitt. „Es ist das köstlichste Frühstück, das ich je zu mir genommen habe, wirklich ausgezeichnet. Beinahe komme ich mir vor wie Robinson ...“
„Aha, dann sollte ich wohl Freitag sein, nicht wahr?!“
An der Stelle war sich Oliver keineswegs sicher, ob er diese Bemerkung scherzhaft oder doch eher ernst zu nehmen hatte.
„Na ja, wie Freitag sehen Sie nicht gerade aus. Dann schon eher wie Sonntag.“ Oliver fand seinen Scherz ausgesprochen amüsant und lachte herzlich.
„Welchen Tag der Woche Sie auch immer bevorzugen – ich bin es nicht“, stellte die Frau mit unverändert weicher und freundlicher Stimme klar.
Olivers Humor schien bei Bettina keinen großen Eindruck zu hinterlassen. Empört oder gar beleidigt war sie aber auch nicht. Sie spielte den Ball einfach weiter.
„Abgesehen davon ist heute Montag. – Es tut mir leid. Manchmal ist das Leben einfach hart und ungerecht.“ Bettinas Lachen war offen und unbeschwert. Sie prustete und hielt sich die weiße Stoffserviette vor den Mund.


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