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Leseprobe Die andere Seite der Wahrheit

Leseprobe Die andere Seite der Wahrheit

Es war Ende Oktober, und man wollte, so wie jedes Jahr, gemeinsam in den Winterurlaub ins Gebirge fahren. Dieses Jahr hatte Walter etwas ganz Besonderes ausgesucht. Es war eine einsame Hütte in den Alpen, weitab von jeglicher Zivilisation, tief im Tauerngebirge. Sie war mit dem Auto nicht erreichbar - der nächstgelegene Ort, St. Nikolai, lag ungefähr zwanzig Kilometer entfernt. Nur über einen ziemlich steilen Fußweg konnte man sie erreichen.

Man hatte sich noch einmal zusammengesetzt, um die letzten Absprachen zu treffen.

„George, ich würde sagen, wir fangen schon mal an, Barbara und Eric kommen etwas später.“

„Okay, nun mach schon, wir sind gespannt!“

Walter breitete eine große Karte auf dem Tisch aus, dann zeichnete er ein kleines Kreuz mit dem Bleistift mitten in die Gebirgslandschaft. 

„Hier ungefähr steht unsere Hütte. Der ehemalige Vermieter wollte Schwierigkeiten machen, weil ich mich nicht festlegen wollte, für wie lange genau wir sie zu mieten beabsichtigen. Aber das Problem ist mittlerweile gelöst.“

„Und wie?“, fragte Georges Frau.

Walter lächelte. „Ganz einfach, Silly, ich habe sie ihm abgekauft! Es war nur eine Frage des Preises.“

Manchmal war Conny die überhebliche Art ihres Mannes peinlich, trotzdem schwieg sie dazu.

Barbara und Eric trafen gerade ein.

„Kommt rein und nehmt euch einen Drink! Ihr wisst ja, wo alles steht.“

Als schließlich alle am Tisch saßen, fuhr Walter fort, die Route zu erläutern, wie sie zur Hütte gelangen. Die Wagen wollten sie in St. Nikolai bei einem Bauern unterstellen. Dann würde ein mehrstündiger Fußmarsch folgen. Mit dem Heranschaffen der Verpflegung und des Gepäcks hatte er eine Firma beauftragt. Sie würde ausreichend Lebensmittel und Wasser für mehrere Wochen im Voraus in der Hütte deponieren.

„Alles ist perfekt organisiert, und für den Ernstfall haben wir noch mein Funktelefon mit.“

„Und unsere Kreditkarten!“, schob Eric lachend ein.

Die Anwesenden nickten zufrieden. Man verließ sich wieder einmal voll und ganz auf das Organisationstalent von Walter.

 

Drei Wochen waren seitdem vergangen. Man hatte die Hütte wie geplant erreicht. Die erforderlichen Sachen waren ebenfalls schon dort - also konnte der Urlaub beginnen.

Noch am selben Tag kontrollierte Walter mit George sämtliche Bestände an Lebensmitteln und Getränken. Vor allem wurden die Flaschen mit Rum und Whisky nachgezählt. Mit Zufriedenheit stellten sie fest, dass die Bestellungen exakt angeliefert worden waren. Die Zimmer wurden bezogen, die Sachen ausgepackt und die Kleidung gewechselt.

Es war bereits Abend geworden, jeder hatte sich ein Plätzchen gesucht und ein Glas in der Hand. Barbara stand am Fenster und versuchte, draußen etwas zu erkennen. 

„Mensch, haben wir ein Glück gehabt! Es schneit wie verrückt - ist das nicht toll?“ Sie freute sich wie ein Kind darüber, die anderen hingegen nahmen keinerlei Notiz davon. George war damit beschäftigt, seine Pfeife zu stopfen, Walter und Eric bauten gerade ein Schachspiel auf. Conny hatte sich mit einem Buch in eine gemütliche Ecke zurückgezogen, Silly lag auf einem Bärenfell vor dem Kamin und blickte schweigend in das knisternde Holzfeuer.

„Ist das nicht wahnsinnig schön hier? Könnt ihr euch vorstellen, für immer in so einer Hütte zu leben, von dieser Ruhe, diesem Frieden umgeben?“, begann sie.

„Nicht mit mir!“, entgegnete Eric. „Ein paar Wochen sind ja ganz nett, aber für alle Ewigkeit will ich hier nicht begraben sein! Lieber möchte ich mal was ganz Ungewöhnliches erleben, zum Beispiel, dass es einen Monat lang dunkel bleibt, wie in tiefster Nacht. Dann kann ich endlich mal eine Schachrunde zu Ende spielen!“

„Leute, was macht ihr euch für Gedanken?“, warf Walter ein. „Uns gehört jetzt diese Hütte, niemand fragt mehr danach. Wir können hier bleiben, so lange wir wollen! Also wünsche ich mir, mein ganzes Leben hier zu verbringen; natürlich mit euch allen. Was kann uns passieren? Wir haben genug Geld, müssen nicht arbeiten, die Firma wirft reichlich Gewinn ab. Von mir aus kann es draußen stürmen und schneien, und die Wölfe können heulen, so laut und so lange sie wollen!“    

Kaum waren seine Worte verklungen, drang aus der Ferne richtiges Wolfsgeheul zur Hütte hinauf.

„Hört ihr das? Das sind richtige Wölfe! So ein Zufall, gerade haben wir davon gesprochen.“ Man amüsierte sich köstlich darüber.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte“, begann Barbara, „dann würde ich mir wünschen, dass ich bis morgen früh zwanzig Kilo abnehme und mein Idealgewicht erreiche! Wäre das nicht super?“

George winkte ab. „Das schaffst du doch nicht mal in hundert Jahren! Wünsch dir lieber was Sinnvolles, zum Beispiel, dass alles Wasser, was wir hier oben haben, sich über Nacht in Whisky verwandelt. Das wäre doch mal was!“ Er trank sein Glas aus und goss sich nach. 

„Silly, jetzt bist du dran, wünsch dir was!“

Sie lag noch immer vor dem Kamin. „Ich bin müde. Ich möchte mal eine ganze Woche durchschlafen, ohne zwischendurch aufzuwachen!“

George erweiterte noch seinen Wunsch von vorhin. „Mir würde es außerdem gefallen, wenn meine Pfeife niemals mehr ausgeht und ich keinen neuen Tabak nachstopfen muss.“

„Und, Conny, was ist dein Begehr?“, fragte Eric weiter.

Ohne vom Buch aufzuschauen, meinte sie: „Dass ich euer unsinniges Gequatsche nicht länger hören muss und in Ruhe lesen kann.“

Eric fühlte sich angegriffen. „Warum denn gleich so aggressiv? Man wird doch mal fragen dürfen!“

Conny blickte ernst über ihren Buchrand hinweg zu Eric. „Du brauchst gar nicht irgendetwas in deinen Bart zu flüstern. Ich hab genau gesehen, wie du deine Lippen bewegt hast!“, erwiderte sie scharf.

Plötzlich war es im ganzen Haus totenstill, zumindest für Conny. So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte keinen Ton mehr vernehmen, nicht das geringste Geräusch. Dennoch sah sie, wie die anderen sich unterhielten. „Ihr braucht euch wirklich nicht lustig zu machen über mich, hört endlich auf damit!“, fuhr sie wütend auf, doch als sie in die verständnislosen Gesichter ihrer Freunde sah, wurde ihr auf einmal ganz anders. Als ob sie plötzlich taub geworden war. Wie konnte das sein? 

Conny stand auf und hockte sich vor Walter hin. „Walter, sag was zu mir, bitte, sprich irgendetwas!“, bat sie verzweifelt.

Ihr Mann hielt ihr lächelnd sein leeres Glas hin und bewegte den Mund, ohne dass sie auch nur einen einzigen Laut vernahm. Sie spürte einen eiskalten Schauer durch ihren Körper laufen. Sie hatte ihr Gehör verloren - von einer Minute zur anderen!

„Sprich lauter, ich verstehe dich nicht. Ich mag diese Art Scherz nicht!“, schrie sie Walter schließlich an. Die anderen wurden dadurch auf sie aufmerksam. Conny sah nur noch, wie alle weiter auf sie einredeten, konnte aber niemanden mehr verstehen. „Ich höre nichts mehr!“, rief sie verzweifelt und warf sich weinend auf das Sofa. „Ich kann euch nicht mehr hören, ich will weg hier, ruft mir einen Arzt!“

Walter nahm sie in seine Arme und sprach beruhigend auf sie ein. Eric versuchte unterdessen, mit dem Funktelefon eine Verbindung herzustellen, um einen Arzt zu rufen - leider vergeblich. 

„Wie kann denn so was passieren? Ich verstehe das einfach nicht!“, rief George aus.

Eric packte ihn am Arm und zog ihn in eine Ecke des Raumes. „Erinnerst du dich noch an ihren Wunsch, den sie vor einer Minute ausgesprochen hat?“

„Das ist doch Unsinn“, entgegnete George, „so was kann es nicht geben!“

„Und die Wölfe vorhin, was ist damit?“

George schwieg und sah Eric nachdenklich an. „Ich glaube nicht daran, das ist alles Zufall.“

„Ich hoffe es, sonst haben wir hier ein gewaltiges Problem!“

Walter deutete seiner Frau an, dass sie noch warten müssten, bis es hell wird. Wenn es morgen nicht besser ist, würden sie versuchen, mit ihr einen Arzt zu erreichen. Im Dunkeln sei es zu riskant, einen Abstieg zu wagen.

Es war spät geworden, und man einigte sich, ins Bett zu gehen. Silly war auf ihrem Bärenfell vor dem Kamin so tief eingeschlafen, dass George sie auf Händen ins Zimmer tragen musste.

 

Irgendwann in der Nacht, es war noch dunkel, wurde George wach und ging in die Küche, um etwas zu trinken. Eric schien dieselbe Idee gehabt zu haben, denn sie trafen sich beide dort zufällig. 

„Kannst du auch nicht schlafen?“, fragte George.

„Ich bin überhaupt nicht mehr müde. Wie spät ist es denn jetzt?“

George blickte auf die alte Wanduhr, schüttelte jedoch ungläubig den Kopf. „Die geht falsch. Es ist doch noch nicht neun Uhr morgens, sonst wäre es draußen hell.“

Eric holte seine Armbanduhr aus dem Nebenraum. „Eigenartig, meine Uhr zeigt dieselbe Zeit an!“ Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge beiseite. Es war finster, es schneite immer noch. In der Ferne heulten irgendwo Wölfe.

„Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!“ Langsam drehte er sich zu George um und fragte: „Kannst du dich noch daran erinnern, worüber wir uns gestern Abend unterhalten haben?“

„Ja, natürlich“, antwortete George, goss sich abwesend ein Glas Wasser ein und nahm  einen großen Schluck. Plötzlich musste er fürchterlich husten. „Verdammt, was ist denn das? Hier hat sich jemand aber einen üblen Scherz erlaubt - Whisky in einem Wasserbehälter!“

Eric musste notgedrungen lächeln. „Es war doch dein Wunsch: Alles Wasser im Hause sollte deiner Meinung nach zu Whisky werden!“

„Das war doch nur ein Scherz!“

Nach einem kurzen Blickwechsel überprüften beide voller Hektik alle vorhandenen Wasserbehälter und mussten die schmerzliche Feststellung machen, dass tatsächlich überall Whisky drin war.

„Willst du etwa damit andeuten, dass all unsere Wünsche hier in Erfüllung gehen? Was hattest du dir denn gewünscht, weißt du das noch?“

Eric überlegte kurz. „Ja, ich meinte, dass es schön wäre, wenn es einen Monat lang ...“ 

Beide blickten zum Fenster hinaus. „... dunkel sein würde“, beendete George den Satz.

In diesem Augenblick kam Barbara in die Küche gerannt und rief aufgeregt: „Eric, sieh mich an, ich habe wahnsinnig abgenommen über Nacht! Mir passen meine Sachen nicht mehr - wie geht denn so was?“

Während Eric versuchte, seiner Frau zu erklären, was hier im Hause vor sich ging, sah George nach Silly. Sie schlief noch tief und fest. Sämtliche Versuche, sie zu wecken, blieben erfolglos. Langsam dämmerte ihm auch, warum. Er erinnerte sich an ihren Wunsch, und bevor er wieder zu den anderen hinausging, nahm er seine noch immer brennende Pfeife aus dem Ascher.

„Leute, ich habe eine Idee: Warum wünschen wir uns nicht einfach, dass alles wieder so wird wie vorher? Ich meine, wenn hier anscheinend jeder Wunsch in Erfüllung geht, müsste es doch funktionieren, oder?“

Die Anwesenden nickten zustimmend, und jeder sprach voller Hoffnung seinen Wunsch laut und deutlich aus, als ob ihn unbedingt jemand hören müsste. Doch es tat sich nichts. Alles blieb so, wie es war. Dann eilten sie gemeinsam in den Raum nebenan, wo sie am Abend zuvor ihre Wünsche ausgesprochen hatten, und wiederholten die Zeremonie. Aber auch das war vergebens. Sie mussten wohl oder übel hinnehmen, dass jedem nur ein Wunsch zustand. 

Inzwischen war auch Conny aufgestanden, sie konnte noch immer nichts hören.

Walter betrat als Letzter den Raum. Wie auf ein Signal hin blickten ihn alle an, und ihnen dämmerte voller Grauen, was er sich gewünscht hatte ... 

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