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Leseprobe Der Tod spricht polnisch

Leseprobe Der Tod spricht polnisch

Der Bericht des Gerichtsmediziners war jetzt da. Er wies etwas so Ungewöhnliches auf, dass der Doktor ihn selbst zu Turner brachte.
„Fangen wir mit den einfachen Sachen an: Alkohol im Blut? Ja, aber nicht ungewöhnlich viel. 0,9 Promille, damit war das Opfer durchaus noch Herr seiner Sinne. Ansonsten keine anderen nachweisbaren Drogen. Spuren von Gewalt? Wenn man davon absieht, dass an den Hand- und Fußgelenken leichte Druckspuren von den Fixierungen waren, keine. Gut, der Einstich des Bajonetts war sicherlich gewaltsam, aber, um es so zu formulieren, es hat kein Kampf stattgefunden.“
„Sehr aufschlussreich“, bemerkte Turner leicht ironisch. Dafür hätte er den Gerichtsmediziner nicht gebraucht. „Jetzt ans Eingemachte! Ich sehe dir doch an, dass du noch ein Schmankerl für uns hast.“
„Allerdings! Wir haben im Mundraum und zwischen den Zähnen Fetzen von Plastikfolie gefunden. Es scheint sich um ganz normale Küchenfolie zu handeln. Dieses Zeug, mit dem man alles Mögliche einpacken kann. Ach ja, Frischhaltefolie sagt man, glaube ich.“
„Und, habt ihr vielleicht auch eine Idee, wie dieses Zeug in den Mund gekommen sein könnte? Hat unser werter Verstorbener vielleicht ein Sandwich mit der Verpackung gegessen?“
„Nein, das können wir ausschließen. Es fanden sich keinerlei Essensreste im Mund.“ Wie üblich konnte der Leichenfledderer auch nicht ansatzweise angemessen auf den leichten Anflug von Humor reagieren.
„Also, sonst eine Idee vielleicht?“
„Es sieht so aus, als ob er auf dieser Folie herumgebissen hätte. Wir haben Reste davon zwischen den Zähnen gefunden.“
„Nicht gerade ein angemessenes Nahrungsmittel zum Champagner“, brummte Turner und war damit auch nicht schlauer als vorher. Er sah Edith fragend an, die sich bis dahin gänzlich zurückgehalten hatte. Ihr Blick war seltsam. Etwa so, als ob sie etwas sagen könnte, wollte – oder vielleicht besser doch nicht. Ganz unauffällig, so, dass nur er es sehen konnte, gab sie ihm mit einer leichten Kopfbewegung zu verstehen, dass sie im Moment nichts dazu sagen wollte.
„Das ist alles“, meldete sich der Doktor wieder zu Wort. Er hatte die nonverbale Kommunikation zwischen Turner und seiner Assistentin nicht bemerkt. „Und bevor ihr mich wieder mit dem üblichen Kram nervt: Nein, keine Hautfetzen unter den Nägeln und auch keine Haare an seinem Körper, die nicht ihm gehörten. Das Sperma auf dem Bauch stammt ebenfalls eindeutig von ihm selbst. Nichts, wovon man eine DNA- Analyse bekommen könnte. Alles sauber. Sieht verdammt nach einem Profi aus – oder nach einem Hygienefreak. Wenn ihr noch Fragen habt, dann wisst ihr ja, wo ihr mich findet.“

Damit verließ er den Raum und die zwei blieben mit dem Report und den offenen Fragen zurück.
Turner war neugierig, was sich hinter Ediths Stirn zusammengebraut hatte. Aber vorsichtig. „Hmm, hmm, hmmm“ war erst einmal alles, was er von sich gab. „Frischhaltefolie! Ihn zumindest hatte diese Folie nicht frisch gehalten. Warum, zum Teufel, kaut jemand auf Frischhaltefolie!?“ Diese Frage klang mehr so, als ob er sie sich selbst gestellt hätte. Tatsächlich aber wollte er von Edith wissen, welche Ideen sie dazu hatte. Dass sie welche hatte, stand für ihn außer Zweifel.
„Edith, nun lass es schon raus! Ich werde dieses Mal bestimmt nicht lachen.“
„Ja, ja, wie immer. Und dann krieg ich wieder zu hören, dass meine Fantasie mit mir durchgeht. Aber, weißt du, ich hätte schon eine Idee, was da passiert sein könnte.“ Doch so einfach wollte sie ihre Gedanken nicht offenbaren. Wenn sie Turner ihre Theorie erzählte, würde sie viel mehr von sich selbst preisgeben, als sie eigentlich bereit war – nicht gegenüber ihrem Chef jedenfalls. Das ging ihn nichts an. „Es ist nur so eine Idee, ich muss noch darüber nachdenken.“ Mehr sagte sie nicht, und weil Turner sie nun schon ein wenig kannte, ließ er es so stehen. Sie würde schon noch kommen.
„Okay, dann fangen wir eben mit der Routine an. Die Parallelen. Schau mal nach, ob in dem Bericht über den Southpark-Mord auch etwas über Frischhaltefolie zu finden ist. Kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber man weiß ja nie. Und dann müssen wir noch tiefer in die Umgebung der beiden Opfer hineinschauen. An die Arbeit! Vielleicht willst du mir ja später von deinen netten Ideen berichten.“

Wendepunkt in Newcastle
Auch die Schiffe aus dem neutralen Schweden liefen 1940 nur ungern direkt London an. Die Gefahr, unter deutschen Beschuss zu geraten, war zu groß. Der Weg von Malmö nach England war außerdem kürzer, wenn ein nördlicher Hafen an der Ostküste angelaufen wurde. So hatte das Schiff mit Sarah an Bord in Newcastle festgemacht.

Sarah ging es gar nicht gut. Bei ihr konnte einfach keine Freude aufkommen. Sie hatte jetzt schon Heimweh, bevor sie überhaupt englischen Boden betreten hatte. Der Gedanke, ihre Familie wahrscheinlich niemals wiederzusehen, zerriss ihr das Herz. Die sieben polnischen jüdischen Mädchen, mit denen sie die Kabine auf der Überfahrt teilte, waren auch kein Trost. Im Gegenteil. Sie verhielten sich ihr gegenüber eher abweisend bis gemein. Immer wieder, wenn ihnen nichts anderes einfiel, sagten sie zu ihr, dass sie sowieso nicht an Land gehen dürfe mit ihrem deutschen Pass.
Zu ihrer Erleichterung durfte sie aber an Land gehen. Drei mürrische Männer hatten die Gruppe Mädchen vom Schiff eskortiert. Sie kümmerten sich nicht um Papiere, sondern führten die jungen Frauen in einen kahlen Raum in einem hässlichen Zweckbau. Dort wurden sie angewiesen zu warten. Während die anderen wild in ihrem Polnisch dahinschnatterten, so, wie es eben nur polnische Mädchen können, saß Sarah still in einer Ecke auf dem Boden. Die Zeit wollte nicht vergehen. Wie lange sie so dagesessen hatte, konnte sie nicht sagen, aber es kam ihr vor wie eine Ewigkeit.
Ab und zu hörte sie auf dem Gang vor der Tür Menschen vorbeigehen, die sich auch manchmal unterhielten. Sarahs Stimmung hellte sich ein wenig auf, als sie feststellte, dass sie die englischen Gesprächsfetzen verstehen konnte. Schon auf dem Schiff hatte sich herausgestellt, dass sie die Einzige in der Gruppe war, die mehr als drei Worte Englisch konnte.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. In diesem Akt war nichts von Sanftheit – und es sollte auch so weitergehen. In barschem Ton wurden die Mädchen aufgefordert, eine Reihe zu bilden und ihre Papiere vorzulegen, und allein Sarah konnte diese Aufforderung verstehen. Sie begann, die Situation zu genießen. Hatten die Polinnen kurz in ihrem Geschnatter innegehalten, als die zwei Männer den Raum betraten, so erhoben sich jetzt ihre Stimmen zu einem neuen Crescendo. Die beiden uniformierten Grenzbeamten sahen sich mit hilflosen Blicken an.
Sarah ließ noch etwas Zeit verstreichen, erhob sich dann und ging auf den Mann zu, den sie für den Chef hielt. In ihrem guten Schulenglisch erklärte sie ihm, dass sie ihres Wissens die Einzige sei, die die beiden Beamten verstehen könne. Sie bat für ihre Begleiterinnen um Entschuldigung, dass diese der Aufforderung nicht nachgekommen waren. Die Mienen der Beamten hellten sich auf. Dennoch erklärte der Chef Sarah, dass er für diesen Fall doch lieber einen Vorgesetzten zuziehen wolle. Noch dazu, weil diese Gruppe ganz aus dem Schema des Üblichen fiel. Die Mädchen sollten noch ein wenig warten.
Die Situation hatte sich nunmehr grundlegend geändert. Als Sarah ihr Gespräch mit den Beamten aufgenommen hatte, waren die anderen Mädchen verstummt. Jetzt, da sie wieder allein im Raum waren, bildeten sie einen Ring um Sarah und redeten alle gleichzeitig auf sie ein. Auf Polnisch natürlich, aber das war kein Problem, denn diese Sprache beherrschte sie perfekt. Sarah sagte den Mädchen, was die Beamten von ihnen wollten und dass sie jetzt noch ein wenig warten müssten, bis der oberste Chef kommt. Die Mädchen nahmen diese Mitteilung mehr oder weniger kommentarlos zur Kenntnis. Was hätten sie auch sagen sollen? Keines von ihnen hatte auch nur ein Wort verstanden, und wenn Sarah sagte, dass es so ist, dann wird es auch so sein.
Umgekehrt empfand es Sarah als ausgesprochen genugtuend und befreiend, plötzlich nicht mehr in der Opferrolle zu sein. Mit einem Mal war sie obenauf, war sie den polnischen Gören, die in der ganzen Zeit ihres Zusammenseins kein gutes Stück an ihr gelassen hatten und nur auf ihr herumhackten, der Garant der Verständigung und damit die Quelle ihres Weiterkommens. Dieses Gefühl der Überlegenheit tat Sarahs Selbstbewusstsein außerordentlich gut.

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