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Leseprobe: NORDLAND

Leseprobe: NORDLAND

Es begab sich im Jahre 1010 nach der christlichen Zeitrechnung, dass die Dunkle Fürstin Maria Magdalena Victoria sich gemeinsam mit einem Jugendfreund und ihrer Tochter Sophie auf einer Reise ins ferne Rom befand. Ihr Gemahl war daheim geblieben auf ihrem gemeinsamen Landsitz in der Nähe Kopenhagens, wo er mit den beiden kleinen Söhnen über den Sommer eine Jagd veranstalten wollte.

Bereits seit mehreren Wochen reiste die Fürstin mit ihren Begleitern durch verschiedene Länder, dabei verkürzten sie sich die Zeit oft im Spiel mit der kleinen Sophie. So mochte es die Fürstin kaum glauben, als sie an diesem Hochsommerabend schon in Straßbourg einfuhren. Altvertraut erschien ihr die alte Marktkirche, und während sie neben ihrer Tochter durch die Tür trat, durchflutete sie ein Meer von vergessen geglaubten Erinnerungen. Überwältigt ließ sie sich auf eine alte Holzbank sinken, wobei sie wohl recht blass geworden war.

„Mutter, ist Euch nicht wohl?“, rief die kleine Sophie erschrocken aus und stürzte zu ihr.
„Nein, nein, mir geht es gut! Es sind nur ferne Erinnerungen, die mich einholen!“, beruhigte die vornehme Fürstin ihre kleine Tochter, als endlich auch ihr Jugendfreund Torga Bärentöter durch die schwere Holztür in die Kirche trat. Seinetwegen befanden sie sich eigentlich auf dieser Reise, denn in Rom sollte die Hochzeit zwischen ihm und der jüngeren Schwester der Fürstin stattfinden.

„Wart Ihr schon einmal in dieser Kirche, Mutter?“, fragte Sophie nun überrascht.
Die Fürstin blickte auf den Boden, auf die bunt gestreiften Mosaiksteine, und fühlte sich um Jahre zurückversetzt, als sie langsam begann, ihrer kleinen Tochter eine lange Geschichte zu erzählen, die an diesem Ort vielleicht ihren Anfang genommen hatte... 

 

Ein Kloster in Straßbourg

Bunte Streifen, der ganze Boden bestand nur aus bunten Streifen. Lena versuchte, den Schrubbbesen ganz fest aufzudrücken, weil der Boden leuchten sollte, wenn Schwester Agnes später zum Prüfen kommen würde. Schwester Agnes hatte ihr versprochen, dass sie heute Abend Äpfel über dem Herdfeuer rösten würden, wenn die Kirche schön glänzte. Die ganze Kirche sauber zu bekommen, war ein hartes Stück Arbeit, und Lena putzte schon seit dem Sonnenaufgang. Deshalb wurde sie auch wütend, als sie zur Seite schaute und bemerkte, dass Hanna nicht mehr schrubbte. Hanna war Lenas kleine Schwester, aber sie konnte schon seit mehr als drei Sommern laufen und wusste ganz genau, dass sie Lena keine Hilfe war, wenn sie Stock und Stein spielte.

Leise nahm Lena den Schrubbbesen und stieß Hanna von der Seite an. Diese versuchte seit geraumer Zeit, eine, wie sie meinte, sinnvolle Tätigkeit auszuüben, die darin bestand, mit einem Holzstock möglichst viele kleine Steine auf der Kirchenbank zusammenzukratzen.

„Aua, du Henne!“, rief sie nun wütend aus und trat nach Lena. Diese war aber schnell genug zurückgesprungen und schalt nun verärgert die kleine Hanna:
„Du sollst arbeiten, nicht spielen! Und in der Kirche fluchen sollst du auch nicht, du bist doch keine Fischdirne“, setzte sie ärgerlich hinzu.
Hanna stützte ihre Arme in die Hüften, und da sie auf der Bank stand, war sie nun größer als Lena.
„Ich habe nicht geflucht! Du hast mich gestoßen, du bist die Fischdirne!“, schrie sie Lena an.
Das war zu viel! Den Schrubbbesen quer vor sich, sprang Lena auf die Kirchbank und versuchte, Hanna hinunterzuschieben. Doch die Kleine war schnell. Während Lena noch sprang, zog sie den eigenen Besen zwischen den Bänken hervor und hielt gegen. Mit voller Wucht stürzte sie auf Lena ein, diese fiel rückwärts, 
hielt aber noch den Schrubbbesen über sich. Die schnellen Bewegungen der Mädchen brachten die Bank ins Kippeln, und gerade, als Hanna von ihrem Sprung in Lenas Richtung landete, klappte die ganze Bank nach hinten. Der Knall schallte durch die große Kirche.

Im ersten Moment wagten weder Lena noch Hanna, den kleinsten Mucks von sich zu geben, aus Angst, Gott könnte vom Himmel gestiegen sein und sie schelten! Aber Gott war es nicht, der wenige Augenblicke später in der Tür stand und schimpfte. Es war vielmehr Bruder Johannes!

„Heidnisches Volk! Barbaren! Ihr dummes Kindsvolk! Viele arme Leute gaben ihr Letztes, um diese Bänke zu bezahlen, damit sie dem Herren dienen sollten...“
Bruder Johannes stand der Schweiß auf der Stirn, so erregt war er.

Hanna lag halb über Lena, versuchte aber, sich unter deren Rock zu verkriechen.
Lenas Arm tat sehr weh von dem wüsten Sturz, aber auch sie traute sich nicht aufzustehen, denn sie ahnte, dass sie ebenso wie Hanna eine Tracht Prügel von Bruder Johannes beziehen würde. Ihr Blick fiel auf die hintere Tür, von dort kam normalerweise der Priester herein. Vorsichtig deutete sie Hanna den Weg.

Die Kleine reagierte prompt. So schnell die Füße tragen konnten, rannte sie in Richtung Tür und weiter hinaus in das Kornfeld, welches die Kirche zur Hälfte säumte.
Lena hatte nicht so viel Glück. Ihr Rock hakte unter der Bank fest, und um ihr einziges Kleid nicht zu zerreißen, musste sie die Bank ein Stück zurückschieben - es dauerte zu lange! Bruder Johannes ergriff Lena bei den Haaren und zerrte sie vor die Kir- che auf den Marktplatz. Dabei brabbelte und schimpfte er vor sich hin, wie es Gott nach Lenas Vorstellung bestimmt auch nicht gefallen hätte. Es kam sogar noch schlimmer, als Lena befürchtete. Mitten auf dem Marktplatz bekam sie ein paar Maulschellen, die weithin hallten. Lena hatte das Gefühl, dass jeder 
der Marktschreier sie anstarren und wissen würde, welche Schmach sie der Kirche zugefügt hätte.

Der Abend war nicht viel besser. Lena wurde von Bruder Johan- nes zu Schwester Agnes gebracht, an gebratene Äpfel war nicht mehr zu denken. Nach langer Schelte schickte man sie ohne Abendbrot in den Schlafsaal. Dort saß sie nun und ärgerte sich maßlos, weil es niemanden interessierte, wie es eigentlich zu der Rangelei gekommen war. Die Klopfzeichen am Fenster ließen Lena hochschrecken. Hannas halber Kopf war zu sehen, ihre Haare völlig zerstrubbelt und eine neue Schramme zierte die Stirn.

Leise öffnete Lena das Fenster, um die Kleine erst einmal zu rügen.
„Glück hast du gehabt, Bruder Johannes hat mich verprügelt, und Bratäpfel habe ich auch nicht bekommen wegen deiner Faulheit.“ Hanna erklomm die Fensterbank, bevor sie antwortete:

„Glück? Gerade, als ich hinten hinausstürmte, konnte einer vom Nordvolk seinen weißen Hund nicht mehr halten, und der ist natürlich geradewegs hinter mir hergelaufen, beinahe hätte er mich auch erwischt.“ Aufgeregt fuhr sie fort: „Ich hab` dich schreien gehört und wollte zur anderen Seite auf den Marktplatz laufen. Als der Hund kam, bin ich umgedreht und hinab zum Teich gerannt. Auf dem großen Eichbaum hat er mich gestellt und nicht mehr heruntergelassen. Ich dachte schon, er würde mich auffressen, doch der Nordmann hat ihn irgendwann zurückgerufen!“

Lena nahm die kleine Schwester in den Arm, böse sein wollte sie nun nicht mehr. Sie kannte die Hunde der Nordmänner. Es waren große, weiße, mit kurzem Fell, und ein solcher Hund war be- stimmt in der Lage, ein Kind in Hannas Alter mit Haut und Haa- ren zu verschlingen. Hanna hatte wirklich Glück gehabt! Außer- dem war sie Lenas einzige Schwester und gleichzeitig das einzi- ge lebende Familienmitglied, welches diese kannte. Lenas Vater war im vorletzten Winter an einer Krankheit der Lunge gestorben. Monatelang hatte er viel gehustet und Blut gespuckt. Eines Morgens, als Lena ihn wecken wollte, war er ganz blass und kalt gewesen. Schwester Agnes erzählte ihr, er sei nun im Himmel bei Jesus Christus, Maria und Josef, zudem dürfe er den ganzen Tag nur essen, trinken und auf einer Harfe spielen. Lena hoffte, dass Schwester Agnes die Wahrheit sprach, denn als ihr Vater noch lebte, spielte er oft und gern auf der Harfe, die in der Kirche am Markt stand ...



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