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Leseprobe: NORDLICHT

Leseprobe: NORDLICHT

Dicker Staub ruhte auf dem kostbaren ledergebundenen Buch. Noch mehr von den grauen, herumwirbelnden Teilchen wischte Ragna allerdings von dem hohen eisengeschmiedeten Tisch, welchen sie als Kind nie anrühren durfte. Wut ließ ihre sonst ruhige Hand fahrig werden, so dass einer der Kerzenhalter des Drachens zu Fall kam. Verdammt! Sie horchte auf, doch die befürchteten Schritte blieben aus.

„Niemand ist hier, es ist mein Heim, und ich kann umwerfen, was ich will!“ Ragna sprach die Worte laut aus, der Widerhall ihrer Stimme klang jedoch selbst in ihren eigenen Ohren wenig überzeugend.

Die Stille der Burg wurde mit einem Male beinahe erdrückend. Nagelfarsend im Winter war nie ein anheimelnder Ort gewesen, aber heute fühlte Ragna das erste Mal echte Furcht vor diesen knarrenden Holzböden, den schleichenden Schatten, und selbst die Gischt der See, draußen an der Mauer, schien ihr zischend, gefährlich, gar bösartig.

„Benimm dich nicht wie ein unsicheres Balg!“, schallt sie ihre erstarrenden Gliedmaßen, um sich gleich darauf gerade aufzurichten und die schwarzen Vorhänge der Steinhalle zu öffnen. Das karge Licht dieses Winternachmittages drang kaum bis zu dem am Boden liegenden Kerzenhalter vor, nur der Staub auf dem langen Spiegel an der Maueröffnung trat nun noch deutlicher zutage. Mit ihren Fingern streifte Ragna über die glatte Oberfläche. Müde, rot geränderte Augen blickten ihr vorwurfsvoll von den nun sichtbaren Spuren des Spiegels entgegen. Graue, aschfahle Haut tat ihr Übriges, um sie, erschreckt von ihrem eigenen Bild, zurücktreten zu lassen. Nicht das blaue Blut, noch weniger ihre Jugend - der Spiegel entblößte die erbärmliche Wirklichkeit. Egal! Wen schon wollte sie hier mit Anmut oder Schönheit beeindrucken?

Eiskalter Wind fegte vom Meer herüber und vermischte einige Sandkörner mit dem Staub dieses Saales, der schon so viele Gezeiten kein Licht gesehen haben mochte. Wieder streifte Ragnas Blick dieses Buch, welches wohl bei der Abreise auf dem verbotenen Tisch vergessen worden war. „Natura Ego“ prangte in bröckelndem Blattgold auf dem verstaubten Leder. Lateinische Wortspiele hier in Nagelfarsend? Welch verschrobene Eingebung mochte ihren ehemaligen Gönner bewogen haben, sich mit diesem offensichtlich dem Lateinischen entsprungenen Machwerk zu beschäftigen?

In Ragnas Erinnerung an den Hexenmeister stiegen hasserfüllte Flüche und wilde Beschimpfungen durch die Nebelschwaden des längst vergessen Geglaubten. Was nur war ihm wichtiger gewesen, als seine elenden Lebensprinzipien? Beinahe ehrfürchtig berührte ihre Hand das Blattgold, dabei beobachtete sie die Bewegungen ihrer Hand, als gehöre diese zu jemand anderem.

Auch das warf sie ihm vor. Die Angst vor seinen Demütigungen hatte sie zu einem Schatten der Frau werden lassen, welche sie gern gewesen wäre. Wehmütig gedachte sie einer Kindheit, die keine gewesen. Nein, Tränen glänzten heute nicht mehr in ihren Augen, und nur selten durchdrang ein Anflug von Gefühl ihre durchdachten Handlungen. „Vergebt mir!“, flüsterte sie in Gedanken an ihre Söhne, deren Vaterfigur sie nun endgültig zu richten gedachte. Mochte ihr Sohn Natas, dessen Tochter ihren Namen tragen würde, sein Kind besser zu schützen wissen, als sie die ihrigen.

Schon brach die Dunkelheit über die verlassene Seefestung herein, und Ragna spürte, dass sie nur noch zu warten brauchte. Gefangene Gedanken und Hoffnungen bemächtigten sich der wartenden Frau. Die Götterdämmerung lag nicht mehr fern, das letzte Schiff war in See gestochen, und selbst wenn sie versagen sollte ...

Ihr blieb keine Zeit, den Gedanken zu Ende zu führen. Laut krachend fuhr ein Blitz ins Deckengewölbe und ein Teil des über ihr befindlichen Balkens stürzte hinab. Wo war er? Ragna spürte seine Nähe an der Kälte ihrer Haut. Wie ein finsterer Schatten füllte seine Macht den Raum. Doch dieses Mal brauchte sie ihn nicht zu fürchten, dieses Mal freute sie sich fast auf sein zynisches Grinsen.

Am anderen Ende des Saales knisterte etwas am Boden - ärgerlich bemerkte Ragna das Funkensprühen des heruntergeborstenen Holzes. Die Lichterscheinung lag nicht in ihrem Plan. Trotz der Ablenkung griff sie ohne zu zögern nach dem Schaft des Schwertes, welches ihr der druidische Meister wohl nur eigens zu diesem Zweck geschmiedet hatte.

Erneut schlug ein Blitz, diesmal nahe hinter ihr, ins Mauerwerk. „Elende, gib auf! Was willst du Kleingeist mir beweisen?“ Seine Stimme klang spöttisch, so als sei es der Streich eines Kindes, den sie gleich zu vollführen gedachte.

Leise schickte Ragna ihre Weber auf den gefährlichen Weg. Er durfte die kleinen Wesen nicht erspüren, bevor diese ihr Gift in sein Blut leiten würden. Sie wagte kaum zu atmen. Sein rotes Licht näherte sich dem Saal, und gleich darauf erblickte sie seine scheinbar noch immer jugendliche Gestalt. Seine Augen sahen ungläubig auf ihren Körper, der sich gleich darauf unter schmerzenden Zuckungen am Boden wand. Er überlegte wohl noch, welche Schmach er ihr als Nächstes zufügen sollte, während ihr Lebensgeist dem gequälten Fleisch entwich. Doch ihr Ziel war nicht verfehlt. In seiner sadistischen Freude bemerkte der Hexenmeister nichts von dem krabbelnden Wesen an seinem Knöchel, und auch dem leichten Kratzen an seinem Bein schenkte er keinerlei Beachtung. Erst der kurze Stich am Halse veranlasste ihn, die Hand gegen das kleine Wesen zu führen, durch das sein Ende besiegelt wurde. Das Blut in seinen Adern gerann, und alsbald wand sich sein Körper, ähnlich dem der soeben verstorbenen Frau, am Boden. „Nun werden sie es doch noch erfahren!“, waren seine letzten Gedanken, bevor er Midgard verließ ... 

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